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Alkohol und Longevity

Herz + Gefäße 6 Min. Lesezeit 25. Jan 2026

Alkohol und Longevity

Alkohol und Longevity

Warum "ein Glas Rotwein ist gesund" komplizierter ist – und was die Daten wirklich zeigen

Die Schlagzeile, die wir hören wollen

Jedes Jahr im Januar, wenn der "Dry January" Konjunktur hat, taucht sie wieder auf: Die beruhigende Nachricht, dass moderater Alkoholkonsum eigentlich gesund sei. Ein Glas Rotwein am Abend schütze das Herz. Die Mittelmeer-Diät beinhalte ja auch Wein. Abstinenzler sterben früher als moderate Trinker.

Kürzlich argumentierte ein geschätzter Kollege in der FAZ, dass ein Viertelliter Wein am Tag gesünder sei als Abstinenz. Er berief sich dabei auf eine Lancet-Studie von 2018 und kritisierte, dass die WHO und andere Organisationen "Fake News" verbreiteten.

Ich verstehe die Sehnsucht nach dieser Nachricht. Viele hätten gerne, dass ihr Genuss ihnen nicht schadet – oder sie sogar schützt.

„Aber als Arzt, der sich mit Longevity beschäftigt, muss ich hier etwas Wasser in den Wein gießen. Die Datenlage ist komplizierter, als beide Seiten es gerne darstellen. Und am Ende zeigt der Großteil der Evidenz leider: Kein Alkohol ist besser."

Was die Lancet-Studie wirklich zeigt

Schauen wir uns die Studie an, auf die sich die Befürworter des moderaten Konsums berufen. Die Lancet-Studie von 2018 (Wood et al.) untersuchte fast 600.000 Menschen und ist methodisch solide.

Aber hier wird es interessant: Die Hauptanalyse schloss lebenslange Abstinenzler bewusst aus. Die Studienautoren wollten eine andere Frage beantworten: Wie viel ist zu viel – für Menschen, die bereits trinken? Die Referenzgruppe waren Menschen, die wenig trinken (unter 100g Alkohol pro Woche, also etwa 5-6 Gläser).

Das ist methodisch sauber. Denn die Gruppe der Nie-Trinker ist aus guten Gründen problematisch als Vergleichsgruppe – dazu gleich mehr.

Die Supplement-Daten

Im Supplement der Studie – also im Anhang – findet man allerdings auch die Daten der Nie-Trinker. Der Kollege in der FAZ bezieht sich genau darauf. Und ja, diese Daten zeigen: Lebenslange Abstinenzler hatten etwa 20% mehr Todesfälle und etwa 30% mehr Herzinfarkte als moderate Trinker.

Ist das nicht der Beweis, dass Alkohol schützt?

Nein. Und hier wird es spannend.

Das Problem mit der Gruppe der Nie-Trinker

Wenn Sie sich die Tabelle im Supplement genau anschauen (eTable 2), sehen Sie etwas Auffälliges: Die Nie-Trinker sind eine völlig andere Population als die moderaten Trinker.

Die wichtigsten Unterschiede:

Ethnische Zusammensetzung: Fast 48% der Nie-Trinker sind "non-white", bei den moderaten Trinkern sind es nur 5-10%. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Andere ethnische Gruppen haben andere Baseline-Risiken, andere sozioökonomische Faktoren, andere kulturelle Gründe für Abstinenz.

Diabetes: 7,1% der Nie-Trinker haben Diabetes, bei moderaten Trinkern sind es nur 3-4%. Das allein erklärt einen erheblichen Teil des erhöhten kardiovaskulären Risikos.

Bildung: 18,6% der Nie-Trinker haben keine oder nur Grundschulbildung, bei moderaten Trinkern sind es 4-9%. Bildung ist einer der stärksten Prädiktoren für Gesundheit.

Selbstberichteter Gesundheitsstatus: Durchweg schlechter bei Nie-Trinkern.

Ein interessantes Detail: Die Nie-Trinker-Gruppe hat deutlich mehr Frauen (70% vs. 53-60%). Frauen haben eigentlich ein niedrigeres kardiovaskuläres Risiko. Das hätte die Ergebnisse zugunsten der Abstinenzler verschieben müssen – hat es aber nicht. Das zeigt, wie stark die anderen Faktoren (Ethnie, Diabetes, Sozioökonomie) wiegen.

Was das bedeutet

Genau deshalb haben die Studienautoren die Nie-Trinker aus ihrer Hauptanalyse herausgenommen. Sie wussten: Diese Gruppe ist keine gute Vergleichsgruppe. Sie ist zu heterogen, zu stark von anderen Faktoren beeinflusst.

Die Nie-Trinker in diesem Supplement sind keine Gruppe von gesunden Menschen, die sich aus gesundheitlicher Überzeugung gegen Alkohol entschieden haben. Es ist eine bunte Mischung aus Menschen mit unterschiedlichsten Gründen für ihre Abstinenz – kulturell, religiös, gesundheitlich, sozioökonomisch.

„Wenn man einen Vergleich zwischen Trinkern und Nie-Trinkern anstellt, ohne für diese Faktoren zu adjustieren, vergleicht man Äpfel mit Birnen."

Genau das passiert aber, wenn man aus den Supplement-Daten die Aussage "250ml Wein am Tag sind super" ableitet.

Die Studie selbst macht diesen Vergleich nicht. Sie zeigt nur die deskriptiven Daten im Anhang. Für eine kausale Aussage bräuchte man eine saubere Adjustierung – und die gibt es für diesen Vergleich nicht.

Was die neuere Forschung zeigt

Mittlerweile gibt es bessere Methoden, um diese Frage zu beantworten. Die sogenannte Mendelsche Randomisierung nutzt genetische Varianten als natürliches Experiment.

Menschen mit bestimmten Genvarianten (wie dem ALDH2-Polymorphismus, bekannt als "Asian Flush") vertragen keinen Alkohol und trinken daher nicht. Wenn Alkohol wirklich schützend wirkt, müssten diese genetisch bedingten Abstinenzler kränker sein.

Das Ergebnis

Das Gegenteil ist der Fall: Diese Studien zeigen, dass das kardiovaskuläre Risiko linear mit dem Alkoholkonsum steigt. Keine J-Kurve. Kein Schutzeffekt bei moderatem Konsum.

Auch die UK Biobank-Analysen der letzten Jahre zeigen: Je mehr man für Confounding-Faktoren kontrolliert, desto mehr verschwindet der vermeintliche Vorteil des moderaten Trinkens.

Was Alkohol auf zellulärer Ebene macht

Aus Longevity-Perspektive ist die Frage ohnehin klar. Alkohol und sein Abbauprodukt Acetaldehyd sind:

DNA-schädigend

Acetaldehyd ist ein Klasse-1-Karzinogen. Es kann DNA direkt schädigen und Reparaturmechanismen blockieren. Selbst geringe Mengen erhöhen das Krebsrisiko, besonders für Brustkrebs bei Frauen.

NAD+-verbrauchend

Der Abbau von Alkohol verbraucht NAD+, einen Co-Faktor, den der Körper für zelluläre Reparaturprozesse braucht. Wenn die Leber mit Entgiftung beschäftigt ist, fehlen Ressourcen für Regeneration.

Schlafstörend

Alkohol sediert, aber er zerstört die Schlafarchitektur. REM-Schlaf, in dem kognitive Regeneration stattfindet, wird unterdrückt. Viele Menschen berichten nach einem "Dry January" von besserem Schlaf und mehr Energie – das ist kein Placebo.

Hormonstörend

Alkohol beeinflusst Testosteron, Östrogen und Cortisol. Die Auswirkungen auf das endokrine System sind komplex und nicht günstig.

Aber was ist mit dem Resveratrol?

Der häufigste Einwand: Rotwein enthält Resveratrol, das in Studien positive Effekte auf Langlebigkeit gezeigt hat.

Das stimmt – in zum Teil grotesken Mäusestudien. Die Tiere wurden mit Hochfett-Diäten gemästet, entwickelten massive Fettlebern und Hepatomegalie, und dann wurde geschaut, ob Resveratrol den Schaden begrenzt. Bei sehr hohen Dosen zeigte sich ein Effekt.

„Aber um auf diese therapeutische Menge zu kommen, müssten Sie hunderte Flaschen Rotwein pro Tag trinken. Die Leberzirrhose würde Sie töten, lange bevor das Resveratrol wirkt."

Was sagen die Longevity-Experten?

Die meisten Experten im Longevity-Bereich sind skeptisch bis ablehnend:

David Sinclair (Harvard) sieht Alkohol als Alterungsbeschleuniger, weil er Sirtuine hemmt und Langlebigkeitspfade stört – und das, obwohl er als einer der wenigen noch sehr an Resveratrol festhält. Selbst für ihn ist der Weg über Wein keine Option.

Andrew Huberman (Stanford) warnt vor den Auswirkungen auf Schlaf, Testosteron und Gehirngesundheit. Er akzeptiert gelegentlichen sozialen Konsum, rät aber von regelmäßigem Trinken ab.

Rhonda Patrick betont das Krebsrisiko: "Selbst ein Drink am Tag verschiebt das Brustkrebsrisiko bei Frauen nach oben."

Peter Attia ist am nuanciertesten: Er erkennt die methodischen Probleme an, sieht Alkohol aber als Trade-off. Für maximale Longevity gilt: je weniger, desto besser.

Fazit

Ich möchte niemandem den Genuss verderben. Soziales Miteinander ist ein wichtiger Faktor für Langlebigkeit – die Blue Zones zeigen das deutlich. Wenn ein Glas Wein Ihnen hilft, einen schönen Abend mit Freunden zu verbringen, hat das einen Wert.

Aber seien wir ehrlich: Wir trinken Alkohol für den Effekt und den Genuss, nicht für die Gesundheit. Das ist okay – solange wir es nicht rationalisieren.

Aus unserer Sicht ist die Datenlage nach aktuellem Stand:

Es ist kompliziert. Die alten Studien haben methodische Probleme, die einen Schutzeffekt vortäuschen können. Die Gruppe der Nie-Trinker ist anders zusammengesetzt, und diese Unterschiede wurden nicht herausgerechnet.

Die neueren, besseren Studien zeigen meist: kein Schutzeffekt. Mendelsche Randomisierung und besser adjustierte Analysen finden die J-Kurve nicht mehr.

Die biologischen Mechanismen sprechen gegen Alkohol. DNA-Schäden, NAD+-Verbrauch, Schlafstörung, Hormoneffekte – nichts davon ist günstig für Longevity.

Der Großteil der Evidenz zeigt: Kein Alkohol ist besser als moderater Alkohol. Das ist nicht die Nachricht, die wir hören wollen. Aber es ist die, die die Daten zeigen.

„Unsere Empfehlung: Sehen Sie Alkohol als Genussmittel mit Nebenwirkungen. Wenn Sie trinken, dann bewusst und nicht täglich. Für maximale Langlebigkeit und Krebsprävention ist der Verzicht – oder nahe Null – der Goldstandard."

Und lassen Sie sich nicht von Schlagzeilen beruhigen, die Ihnen sagen, was Sie hören wollen.

Literatur

Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies

Wood AM, Kaptoge S, Butterworth AS, et al. Lancet. 2018;391(10129):1513-1523.

Link zur Studie (PubMed) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

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