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Blutdruckprotokoll und 24h-Messung

Herz + Gefäße 8 Min. Lesezeit 27. Dez 2025

Blutdruckprotokoll und 24h-Messung

Blutdruckprotokoll und 24h-Messung

Warum eine Zahl nicht reicht

Masked Hypertension, Dipping und warum die Praxismessung oft die falsche Geschichte erzählt – ein Deep Dive in die moderne Blutdruckdiagnostik

Auf einen Blick

Methoden Heimprotokoll (Gerät ab 50€), Consumer Device (~200-300€), 24h-ABPM (beim Arzt)
Kernproblem Praxismessung allein reicht nicht – jeder Dritte wird falsch eingestuft
Zielwert (Ruhe) <120/80 mmHg
Zielwert (24h-ABPM) <115/75 mmHg (IDACO, outcome-basiert)

Ihre Vorbereitung (Heimprotokoll)

Was Sie beachten müssen Warum wichtig
5 Min ruhig sitzen vor Messung Standardisierte Bedingungen für Ruhewerte
Rücken gestützt, Arm auf Herzhöhe Falsche Haltung: bis zu +20 mmHg Fehler
Nicht sprechen, Beine nicht überkreuzen Verfälscht die Messung erheblich
SOWOHL Ruhe- ALS AUCH Alltagswerte messen Die Differenz zwischen beiden ist aufschlussreich
7 Tage, morgens + abends, je 2 Messungen Zusätzlich situativ zwischendurch messen; Stress oder besondere Situationen dokumentieren

Fragen Sie Ihren Anbieter (24h-ABPM)

Frage Warum wichtig
Bekomme ich die kompletten Rohdaten und Durchschnitte der Auswertung zum Arztbericht dazu? Dipping, Tag-/Nacht-/24h-Mittelwerte werden automatisch ausgewertet – aber nur mit den vollständigen Daten können Sie Verlauf und Details selbst nachvollziehen

Einleitung

Atherosklerose ist der Angreifer Nummer eins auf Ihre Longevity. Herzinfarkt, Schlaganfall, Gefäßverschlüsse – sie alle haben denselben Ursprung: deutliche Abnahme der Gefäßgesundheit mit Plaquebildung. Und einer der wichtigsten Hebel, den Sie selbst in der Hand haben, ist Ihr Blutdruck.

Peter Attia bringt es auf den Punkt: „If you care about your brain, if you care about your heart and if you care about your kidneys, you need low blood pressure."

Zusammen mit apoB und Rauchen bildet der Blutdruck die Trias der Haupttreiber für ASCVD (Atherosclerotic Cardiovascular Disease – atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen).

Das Problem: Die meisten Menschen kennen ihren Blutdruck nur aus einer Messung beim Arzt. Einmal im Jahr, nach dem hektischen Weg in die Praxis, vielleicht noch nervös wegen des Termins. Diese eine Zahl sagt erschreckend wenig aus.

Das Problem mit der Praxismessung

Jeder Dritte wird falsch eingestuft

Die Studienlage ist eindeutig: Etwa einer von drei Patienten wird durch reine Praxismessungen falsch klassifiziert. Das liegt an zwei Phänomenen:

Weißkittel-Hypertonie (White-Coat Hypertension)

In der Praxis erhöht, im Alltag normal. Betrifft 15-30% aller als „hypertensiv" Diagnostizierten. Diese Menschen bekommen oft unnötig Medikamente.

Maskierte Hypertonie (Masked Hypertension)

In der Praxis normal, im Alltag erhöht. Das ist das gefährlichere Szenario. Diese Patienten haben ein fast doppelt so hohes Risiko für kardiovaskuläre Events (Hazard Ratio 2.00) – und werden komplett übersehen.

Phänotyp Praxis-BP Alltags-BP Hazard Ratio
Normotension Normal Normal 1.0 (Referenz)
Weißkittel-Hypertonie Erhöht Normal 1.12
Maskierte Hypertonie Normal Erhöht 2.00
Manifeste Hypertonie Erhöht Erhöht 2.28

Die Zahlen stammen aus einer Meta-Analyse mit 8-jährigem Follow-up. Das Risiko bei maskierter Hypertonie liegt fast auf dem Niveau der manifesten Hypertonie – obwohl diese Patienten in der Praxis „normale" Werte zeigen.

Ruheblutdruck lässt sich „gamen"

Das sehen wir in der Praxis regelmäßig: Wer sich vor der Messung Zeit nimmt, fünf Minuten entspannt sitzt und bewusst atmet, erreicht bessere Werte. Das ist grundsätzlich gut – es zeigt, dass Ihr Körper regulieren kann.

Aber es wirft eine wichtige Frage auf: Was passiert mit Ihrem Blutdruck, wenn Sie nicht bewusst runterfahren? Im Meeting, beim Pendeln, unter Alltagsstress?

Genau das ist der blinde Fleck der klassischen Ruheblutdruckmessung. Sie erfasst den Idealzustand, nicht die Realität.

Die Lösung: Messen, wo es zählt

Die ESH-Guidelines 2023 haben Out-of-Office-Messungen deutlich hochgestuft (Class II Recommendation, Level B Evidence). Der Grund: Sie liefern eine bessere Risikoprädiktion für Endorganschäden und kardiovaskuläre Events als die Praxismessung.

Der nächtliche Blutdruck – Ihr wichtigster Wert

Ein Parameter verdient besondere Aufmerksamkeit: der Nacht-Blutdruck. Zahlreiche Studien zeigen, dass er ein stärkerer Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse ist als der Tageswert.

Der Grund liegt im Dipping. Normalerweise sinkt der Blutdruck nachts um 10-20% – Ihr Körper regeneriert. Bleibt dieses Dipping aus, ist das ein Warnsignal.

Dipping-Verhalten Nacht-Abfall Risiko
Normal Dipper 10-20% Referenz
Non-Dipper <10% Erhöht
Extreme Dipper >20% Bei >70 Jahren erhöht
Reverse Dipper BP steigt nachts Stark erhöht

Eine 21-Jahres-Follow-up-Studie (Hypertension Research, 2024) zeigte eindrücklich: Teilnehmer, die dauerhaft Non-Dipper waren, hatten eine kardiovaskuläre Event-Rate von 28%. Bei stabilen Dippern waren es 6.6%.

Pro 5% weniger Dipping steigt das Risiko für kardiovaskuläre Mortalität um etwa 20%.

Das Problem: Dipping können Sie nur mit einer 24-Stunden-Messung erfassen.

Ihre Mess-Optionen

1 Das Heimprotokoll

Validierte Ruheblutdruckwerte über eine Woche Ab 50€ (Gerät)
Das korrekte Protokoll:
1

5 Minuten ruhig sitzen

2

Erste Messung

3

5 Minuten warten

4

Zweite Messung

5

Morgens und abends, 7 Tage lang

Wichtig: Fehlerquellen vermeiden!
Fehlerquelle Effekt auf systolischen BP
Sprechen während Messung +10-15 mmHg
Rücken nicht gestützt +5-10 mmHg
Manschette über Kleidung +10-40 mmHg
Arm nicht auf Herzhöhe +10 mmHg
Beine überkreuzt +5-10 mmHg
Volle Blase +10-15 mmHg

Das summiert sich schnell. Bei suboptimaler Technik kann der gemessene Wert 30-50 mmHg über dem tatsächlichen liegen.

✓ Erkennt Weißkittel-Hypertonie ✓ Günstig ✓ Validiert ✗ Kein Nacht-BP ✗ Kein Dipping

2 Consumer Device (z.B. Hilo)

Kontinuierliche Trend-Daten via Armband Ca. 200-300€ (Manschette inklusive)

Aktiia (jetzt Hilo) nutzt optische Sensoren und Pulse-Wave-Analyse. Die FDA-Zulassung kam 2025. Die Studienlage ist gemischt:

Tagsüber: Gute Korrelation mit medizinischem ABPM

Differenz: 1.6 ± 10.5 mmHg | Korrelation: R² = 0.70

Nachts: Problematisch

Differenz: 12.5 ± 14.4 mmHg | Korrelation: r = 0.39 (schwach)

Therapie-Monitoring: Funktioniert nicht zuverlässig

Nach 2 Wochen Uptitration: Aktiia zeigte -1 mmHg, HBPM zeigte -20 mmHg

Die ESH-Guidelines 2023 warnen explizit vor cuffless Devices für klinische Entscheidungen.

Unsere Einschätzung: Interessant für Trend-Erkennung und Awareness. Wenn Blutdruck Ihr Fokusthema ist und Sie sehen wollen, wie sich Lifestyle-Änderungen auswirken – warum nicht? Aber: Kein Ersatz für medizinische Diagnostik. Und bei den Nachtwerten vorsichtig sein.

3 Medizinisches 24h-ABPM Gold-Standard

Gold-Standard mit Dipping-Analyse In der Praxis oder Ambulanz

Eine Manschette misst automatisch alle 15-30 Minuten – auch nachts. Ja, das ist unbequem. Aber es liefert Daten, die keine andere Methode liefert.

Indikationen (nach ESH 2023):

Verdacht auf maskierte Hypertonie

Variable Praxiswerte

Verdacht auf White-Coat Hypertonie

Therapie-Kontrolle bei schwer einstellbarem Blutdruck

Verdacht auf nächtliche Hypertonie oder Non-Dipping

Unser Stufenplan

1

Heimprotokoll (für alle)

Mindestens einmal ein strukturiertes 7-Tage-Protokoll. Das sollte jeder machen, der seinen Blutdruck ernst nimmt. Wichtig dabei: Messen Sie bewusst sowohl Ruhewerte (mit 5 Minuten Entspannung vorher) als auch Werte in Aktion – spontan im Alltag, ohne vorheriges Runterfahren. Markieren Sie auf dem Protokoll entsprechend, welche Messung welche war. Denn genau diese Differenz ist aufschlussreich.

2

Consumer Device (für Enthusiasten)

Wenn Blutdruck Ihr Fokusthema ist und Sie kontinuierlich tracken wollen. Mit Verständnis der Limitationen.

3

Medizinisches ABPM (bei Indikation)

Bei Verdacht auf maskierte Hypertonie, Non-Dipping, oder wenn klinische Entscheidungen anstehen.

Die Zielwerte

Ruheblutdruck: Was die Leitlinien sagen

Kategorie ACC/AHA 2017 ESH 2023
Optimal <120/80 <120/80
Normal <120/80 120-129/80-84
Erhöht 120-129/<80 130-139/85-89
Hypertonie Stadium I 130-139/80-89 140-159/90-99
Hypertonie Stadium II ≥140/90 ≥160/100

Die Amerikaner sind strenger – bereits ab 130/80 mmHg gilt es als Hypertonie Stadium I. Beide Leitlinien sind sich aber einig: <120/80 mmHg ist das Ziel.

Die SPRINT-Studie zeigte: Wer auf <120 mmHg systolisch kommt, hat signifikant weniger kardiovaskuläre Events als bei <140 mmHg.

24h-ABPM: Zwei Perspektiven

Die klassischen Grenzwerte für ABPM kennen Sie vielleicht:

Parameter Standard-Grenzwert
24h-Mittel <130/80 mmHg
Tagesmittel <135/85 mmHg
Nachtmittel <120/70 mmHg

Diese Werte stammen aus Konsensus-Definitionen und entsprechen den ESH-Guidelines.

Aber: Die IDACO-Datenbank (International Database on Ambulatory Blood Pressure in Relation to Cardiovascular Outcomes) liefert outcome-basierte Schwellenwerte, die strenger sind:

Kategorie 24h-ABPM (IDACO)
Optimal <115/75 mmHg
Erhöht 115-124/<75 mmHg
Stadium I 125-129/75-79 mmHg
Stadium II ≥130/80 mmHg

Diese Werte basieren auf dem direkten Zusammenhang mit kardiovaskulären Outcomes bei über 11.000 Teilnehmern – nicht auf Konsensus-Definitionen.

Die 115/75-Grenze

Eine Meta-Analyse mit über 1 Million Teilnehmern (Lewington et al., Lancet 2002) zeigte: Das kardiovaskuläre Risiko steigt kontinuierlich ab 115/75 mmHg – ohne erkennbare Schwelle. Pro 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch verdoppelt sich die Mortalität durch koronare Herzkrankheit und Schlaganfall.

Aus Longevity-Perspektive orientieren wir uns daher eher an den strengeren IDACO-Kriterien.

Was Sie selbst tun können

Der Blutdruck ist einer der am besten modifizierbaren Risikofaktoren. Lifestyle-Interventionen wirken:

Intervention Effekt auf systolischen BP
1 kg Gewichtsverlust -1.6 mmHg
Mehr Obst & Gemüse (DASH-Diät) -7 mmHg
1.66 g weniger Salz/Tag -5-6 mmHg
Zone-2-Training (3-4h/Woche) -6-7 mmHg
Weniger Alkohol -5 mmHg
Sauna (regelmäßig) Risikoreduktion belegt

Dazu: Ausreichend Schlaf, Stress-Management, Schlafapnoe ausschließen. Chronischer Stress treibt genau den Alltagsblutdruck hoch, den die Praxismessung nicht erfasst.

Fazit

Eine einzelne Blutdruckmessung ist wie ein Schnappschuss. Sie zeigt einen Moment, nicht die Geschichte. Und bei jedem dritten Patienten erzählt dieser Schnappschuss die falsche Geschichte.

Wer seinen Blutdruck verstehen will, braucht mehr Datenpunkte. Das beginnt mit einem strukturierten Heimprotokoll und kann bis zum 24h-ABPM gehen.

Der Aufwand lohnt sich: Der Blutdruck ist einer der stärksten Hebel gegen ASCVD – und anders als Ihre Gene können Sie ihn beeinflussen.

Weiterführende Literatur

Für alle, die tiefer einsteigen wollen:

1 Risiko & Grenzwerte

Age-specific relevance of usual blood pressure to vascular mortality (2002)

Lewington S et al., Lancet.

Meta-Analyse mit 1 Million Teilnehmern – zeigt den kontinuierlichen Risikoanstieg ab 115/75 mmHg.

Link zur Studie (PubMed) →
Outcome-Driven Thresholds for Ambulatory Blood Pressure (2019)

IDACO Investigators, Hypertension.

Liefert die outcome-basierten ABPM-Grenzwerte (<115/75 optimal).

Link zur Studie (PMC) →

2 Leitlinien

2023 ESH Guidelines for the Management of Arterial Hypertension

Journal of Hypertension.

Aktuelle europäische Leitlinie mit ABPM-Empfehlungen.

Link zur Leitlinie →

3 Consumer Devices

Cuffless blood pressure monitor yields equivalent daytime blood pressure measurements (2023)

Hypertension Research, Nature.

Zeigt gute Tages-, aber problematische Nacht-Korrelation bei Aktiia.

Link zur Studie (Nature) →

4 Dipping & Nacht-Blutdruck

Non-Dipping 21-Year Follow-up (2024)

Hypertension Research, Nature.

Langzeit-Outcome-Daten zum Dipping-Verhalten. 28% Event-Rate bei persistenten Non-Dippern.

Link zur Studie (Nature) →

5 Therapieziele

SPRINT Trial: Intensive vs. Standard Blood Pressure Control (2015)

NEJM.

Basis für das <120 mmHg Ziel.

Link zur Studie (NEJM) →

Autoren:

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Longevity Office

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