Blutdruckprotokoll und 24h-Messung
Warum eine Zahl nicht reicht
Masked Hypertension, Dipping und warum die Praxismessung oft die falsche Geschichte erzählt – ein Deep Dive in die moderne Blutdruckdiagnostik
Auf einen Blick
| Methoden | Heimprotokoll (Gerät ab 50€), Consumer Device (~200-300€), 24h-ABPM (beim Arzt) |
| Kernproblem | Praxismessung allein reicht nicht – jeder Dritte wird falsch eingestuft |
| Zielwert (Ruhe) | <120/80 mmHg |
| Zielwert (24h-ABPM) | <115/75 mmHg (IDACO, outcome-basiert) |
Ihre Vorbereitung (Heimprotokoll)
| Was Sie beachten müssen | Warum wichtig |
|---|---|
| 5 Min ruhig sitzen vor Messung | Standardisierte Bedingungen für Ruhewerte |
| Rücken gestützt, Arm auf Herzhöhe | Falsche Haltung: bis zu +20 mmHg Fehler |
| Nicht sprechen, Beine nicht überkreuzen | Verfälscht die Messung erheblich |
| SOWOHL Ruhe- ALS AUCH Alltagswerte messen | Die Differenz zwischen beiden ist aufschlussreich |
| 7 Tage, morgens + abends, je 2 Messungen | Zusätzlich situativ zwischendurch messen; Stress oder besondere Situationen dokumentieren |
Fragen Sie Ihren Anbieter (24h-ABPM)
| Frage | Warum wichtig |
|---|---|
| Bekomme ich die kompletten Rohdaten und Durchschnitte der Auswertung zum Arztbericht dazu? | Dipping, Tag-/Nacht-/24h-Mittelwerte werden automatisch ausgewertet – aber nur mit den vollständigen Daten können Sie Verlauf und Details selbst nachvollziehen |
Einleitung
Atherosklerose ist der Angreifer Nummer eins auf Ihre Longevity. Herzinfarkt, Schlaganfall, Gefäßverschlüsse – sie alle haben denselben Ursprung: deutliche Abnahme der Gefäßgesundheit mit Plaquebildung. Und einer der wichtigsten Hebel, den Sie selbst in der Hand haben, ist Ihr Blutdruck.
Peter Attia bringt es auf den Punkt: „If you care about your brain, if you care about your heart and if you care about your kidneys, you need low blood pressure."
Zusammen mit apoB und Rauchen bildet der Blutdruck die Trias der Haupttreiber für ASCVD (Atherosclerotic Cardiovascular Disease – atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen).
Das Problem: Die meisten Menschen kennen ihren Blutdruck nur aus einer Messung beim Arzt. Einmal im Jahr, nach dem hektischen Weg in die Praxis, vielleicht noch nervös wegen des Termins. Diese eine Zahl sagt erschreckend wenig aus.
Das Problem mit der Praxismessung
Jeder Dritte wird falsch eingestuft
Die Studienlage ist eindeutig: Etwa einer von drei Patienten wird durch reine Praxismessungen falsch klassifiziert. Das liegt an zwei Phänomenen:
Weißkittel-Hypertonie (White-Coat Hypertension)
In der Praxis erhöht, im Alltag normal. Betrifft 15-30% aller als „hypertensiv" Diagnostizierten. Diese Menschen bekommen oft unnötig Medikamente.
Maskierte Hypertonie (Masked Hypertension)
In der Praxis normal, im Alltag erhöht. Das ist das gefährlichere Szenario. Diese Patienten haben ein fast doppelt so hohes Risiko für kardiovaskuläre Events (Hazard Ratio 2.00) – und werden komplett übersehen.
| Phänotyp | Praxis-BP | Alltags-BP | Hazard Ratio |
|---|---|---|---|
| Normotension | Normal | Normal | 1.0 (Referenz) |
| Weißkittel-Hypertonie | Erhöht | Normal | 1.12 |
| Maskierte Hypertonie | Normal | Erhöht | 2.00 |
| Manifeste Hypertonie | Erhöht | Erhöht | 2.28 |
Die Zahlen stammen aus einer Meta-Analyse mit 8-jährigem Follow-up. Das Risiko bei maskierter Hypertonie liegt fast auf dem Niveau der manifesten Hypertonie – obwohl diese Patienten in der Praxis „normale" Werte zeigen.
Ruheblutdruck lässt sich „gamen"
Das sehen wir in der Praxis regelmäßig: Wer sich vor der Messung Zeit nimmt, fünf Minuten entspannt sitzt und bewusst atmet, erreicht bessere Werte. Das ist grundsätzlich gut – es zeigt, dass Ihr Körper regulieren kann.
Aber es wirft eine wichtige Frage auf: Was passiert mit Ihrem Blutdruck, wenn Sie nicht bewusst runterfahren? Im Meeting, beim Pendeln, unter Alltagsstress?
Genau das ist der blinde Fleck der klassischen Ruheblutdruckmessung. Sie erfasst den Idealzustand, nicht die Realität.
Die Lösung: Messen, wo es zählt
Die ESH-Guidelines 2023 haben Out-of-Office-Messungen deutlich hochgestuft (Class II Recommendation, Level B Evidence). Der Grund: Sie liefern eine bessere Risikoprädiktion für Endorganschäden und kardiovaskuläre Events als die Praxismessung.
Der nächtliche Blutdruck – Ihr wichtigster Wert
Ein Parameter verdient besondere Aufmerksamkeit: der Nacht-Blutdruck. Zahlreiche Studien zeigen, dass er ein stärkerer Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse ist als der Tageswert.
Der Grund liegt im Dipping. Normalerweise sinkt der Blutdruck nachts um 10-20% – Ihr Körper regeneriert. Bleibt dieses Dipping aus, ist das ein Warnsignal.
| Dipping-Verhalten | Nacht-Abfall | Risiko |
|---|---|---|
| Normal Dipper | 10-20% | Referenz |
| Non-Dipper | <10% | Erhöht |
| Extreme Dipper | >20% | Bei >70 Jahren erhöht |
| Reverse Dipper | BP steigt nachts | Stark erhöht |
Eine 21-Jahres-Follow-up-Studie (Hypertension Research, 2024) zeigte eindrücklich: Teilnehmer, die dauerhaft Non-Dipper waren, hatten eine kardiovaskuläre Event-Rate von 28%. Bei stabilen Dippern waren es 6.6%.
Pro 5% weniger Dipping steigt das Risiko für kardiovaskuläre Mortalität um etwa 20%.
Das Problem: Dipping können Sie nur mit einer 24-Stunden-Messung erfassen.
Ihre Mess-Optionen
1 Das Heimprotokoll
Das korrekte Protokoll:
5 Minuten ruhig sitzen
Erste Messung
5 Minuten warten
Zweite Messung
Morgens und abends, 7 Tage lang
Wichtig: Fehlerquellen vermeiden!
| Fehlerquelle | Effekt auf systolischen BP |
|---|---|
| Sprechen während Messung | +10-15 mmHg |
| Rücken nicht gestützt | +5-10 mmHg |
| Manschette über Kleidung | +10-40 mmHg |
| Arm nicht auf Herzhöhe | +10 mmHg |
| Beine überkreuzt | +5-10 mmHg |
| Volle Blase | +10-15 mmHg |
Das summiert sich schnell. Bei suboptimaler Technik kann der gemessene Wert 30-50 mmHg über dem tatsächlichen liegen.
2 Consumer Device (z.B. Hilo)
Aktiia (jetzt Hilo) nutzt optische Sensoren und Pulse-Wave-Analyse. Die FDA-Zulassung kam 2025. Die Studienlage ist gemischt:
Tagsüber: Gute Korrelation mit medizinischem ABPM
Differenz: 1.6 ± 10.5 mmHg | Korrelation: R² = 0.70
Nachts: Problematisch
Differenz: 12.5 ± 14.4 mmHg | Korrelation: r = 0.39 (schwach)
Therapie-Monitoring: Funktioniert nicht zuverlässig
Nach 2 Wochen Uptitration: Aktiia zeigte -1 mmHg, HBPM zeigte -20 mmHg
Die ESH-Guidelines 2023 warnen explizit vor cuffless Devices für klinische Entscheidungen.
Unsere Einschätzung: Interessant für Trend-Erkennung und Awareness. Wenn Blutdruck Ihr Fokusthema ist und Sie sehen wollen, wie sich Lifestyle-Änderungen auswirken – warum nicht? Aber: Kein Ersatz für medizinische Diagnostik. Und bei den Nachtwerten vorsichtig sein.
3 Medizinisches 24h-ABPM Gold-Standard
Eine Manschette misst automatisch alle 15-30 Minuten – auch nachts. Ja, das ist unbequem. Aber es liefert Daten, die keine andere Methode liefert.
Indikationen (nach ESH 2023):
Verdacht auf maskierte Hypertonie
Variable Praxiswerte
Verdacht auf White-Coat Hypertonie
Therapie-Kontrolle bei schwer einstellbarem Blutdruck
Verdacht auf nächtliche Hypertonie oder Non-Dipping
Unser Stufenplan
Heimprotokoll (für alle)
Mindestens einmal ein strukturiertes 7-Tage-Protokoll. Das sollte jeder machen, der seinen Blutdruck ernst nimmt. Wichtig dabei: Messen Sie bewusst sowohl Ruhewerte (mit 5 Minuten Entspannung vorher) als auch Werte in Aktion – spontan im Alltag, ohne vorheriges Runterfahren. Markieren Sie auf dem Protokoll entsprechend, welche Messung welche war. Denn genau diese Differenz ist aufschlussreich.
Consumer Device (für Enthusiasten)
Wenn Blutdruck Ihr Fokusthema ist und Sie kontinuierlich tracken wollen. Mit Verständnis der Limitationen.
Medizinisches ABPM (bei Indikation)
Bei Verdacht auf maskierte Hypertonie, Non-Dipping, oder wenn klinische Entscheidungen anstehen.
Die Zielwerte
Ruheblutdruck: Was die Leitlinien sagen
| Kategorie | ACC/AHA 2017 | ESH 2023 |
|---|---|---|
| Optimal | <120/80 | <120/80 |
| Normal | <120/80 | 120-129/80-84 |
| Erhöht | 120-129/<80 | 130-139/85-89 |
| Hypertonie Stadium I | 130-139/80-89 | 140-159/90-99 |
| Hypertonie Stadium II | ≥140/90 | ≥160/100 |
Die Amerikaner sind strenger – bereits ab 130/80 mmHg gilt es als Hypertonie Stadium I. Beide Leitlinien sind sich aber einig: <120/80 mmHg ist das Ziel.
Die SPRINT-Studie zeigte: Wer auf <120 mmHg systolisch kommt, hat signifikant weniger kardiovaskuläre Events als bei <140 mmHg.
24h-ABPM: Zwei Perspektiven
Die klassischen Grenzwerte für ABPM kennen Sie vielleicht:
| Parameter | Standard-Grenzwert |
|---|---|
| 24h-Mittel | <130/80 mmHg |
| Tagesmittel | <135/85 mmHg |
| Nachtmittel | <120/70 mmHg |
Diese Werte stammen aus Konsensus-Definitionen und entsprechen den ESH-Guidelines.
Aber: Die IDACO-Datenbank (International Database on Ambulatory Blood Pressure in Relation to Cardiovascular Outcomes) liefert outcome-basierte Schwellenwerte, die strenger sind:
| Kategorie | 24h-ABPM (IDACO) |
|---|---|
| Optimal | <115/75 mmHg |
| Erhöht | 115-124/<75 mmHg |
| Stadium I | 125-129/75-79 mmHg |
| Stadium II | ≥130/80 mmHg |
Diese Werte basieren auf dem direkten Zusammenhang mit kardiovaskulären Outcomes bei über 11.000 Teilnehmern – nicht auf Konsensus-Definitionen.
Die 115/75-Grenze
Eine Meta-Analyse mit über 1 Million Teilnehmern (Lewington et al., Lancet 2002) zeigte: Das kardiovaskuläre Risiko steigt kontinuierlich ab 115/75 mmHg – ohne erkennbare Schwelle. Pro 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch verdoppelt sich die Mortalität durch koronare Herzkrankheit und Schlaganfall.
Aus Longevity-Perspektive orientieren wir uns daher eher an den strengeren IDACO-Kriterien.
Was Sie selbst tun können
Der Blutdruck ist einer der am besten modifizierbaren Risikofaktoren. Lifestyle-Interventionen wirken:
| Intervention | Effekt auf systolischen BP |
|---|---|
| 1 kg Gewichtsverlust | -1.6 mmHg |
| Mehr Obst & Gemüse (DASH-Diät) | -7 mmHg |
| 1.66 g weniger Salz/Tag | -5-6 mmHg |
| Zone-2-Training (3-4h/Woche) | -6-7 mmHg |
| Weniger Alkohol | -5 mmHg |
| Sauna (regelmäßig) | Risikoreduktion belegt |
Dazu: Ausreichend Schlaf, Stress-Management, Schlafapnoe ausschließen. Chronischer Stress treibt genau den Alltagsblutdruck hoch, den die Praxismessung nicht erfasst.
Fazit
Eine einzelne Blutdruckmessung ist wie ein Schnappschuss. Sie zeigt einen Moment, nicht die Geschichte. Und bei jedem dritten Patienten erzählt dieser Schnappschuss die falsche Geschichte.
Wer seinen Blutdruck verstehen will, braucht mehr Datenpunkte. Das beginnt mit einem strukturierten Heimprotokoll und kann bis zum 24h-ABPM gehen.
Der Aufwand lohnt sich: Der Blutdruck ist einer der stärksten Hebel gegen ASCVD – und anders als Ihre Gene können Sie ihn beeinflussen.
Weiterführende Literatur
Für alle, die tiefer einsteigen wollen:
1 Risiko & Grenzwerte
Age-specific relevance of usual blood pressure to vascular mortality (2002)
Lewington S et al., Lancet.
Meta-Analyse mit 1 Million Teilnehmern – zeigt den kontinuierlichen Risikoanstieg ab 115/75 mmHg.
Link zur Studie (PubMed) →Outcome-Driven Thresholds for Ambulatory Blood Pressure (2019)
IDACO Investigators, Hypertension.
Liefert die outcome-basierten ABPM-Grenzwerte (<115/75 optimal).
Link zur Studie (PMC) →2 Leitlinien
2023 ESH Guidelines for the Management of Arterial Hypertension
Journal of Hypertension.
Aktuelle europäische Leitlinie mit ABPM-Empfehlungen.
Link zur Leitlinie →3 Consumer Devices
Cuffless blood pressure monitor yields equivalent daytime blood pressure measurements (2023)
Hypertension Research, Nature.
Zeigt gute Tages-, aber problematische Nacht-Korrelation bei Aktiia.
Link zur Studie (Nature) →4 Dipping & Nacht-Blutdruck
Non-Dipping 21-Year Follow-up (2024)
Hypertension Research, Nature.
Langzeit-Outcome-Daten zum Dipping-Verhalten. 28% Event-Rate bei persistenten Non-Dippern.
Link zur Studie (Nature) →5 Therapieziele
SPRINT Trial: Intensive vs. Standard Blood Pressure Control (2015)
NEJM.
Basis für das <120 mmHg Ziel.
Link zur Studie (NEJM) →Autoren:
Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels
Longevity Office