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CAC-Score

Herz + Gefäße 8 Min. Lesezeit 06. Jan 2026

CAC-Score

CAC-Score: Wann der Koronarkalk-CT sinnvoll ist

– und wann nicht

Strahlenbelastung, rechtliche Hürden in Deutschland und warum wir meist zuerst den Ultraschall empfehlen – ein differenzierter Blick auf das Herz-CT

Auf einen Blick

Strahlenbelastung Ca. 0,5–1,5 mSv (≈10 Röntgen-Thorax, ≈4 Monate natürliche Hintergrundstrahlung)
Kosten (Selbstzahler) Ca. 150–350 €
Verfügbarkeit in Deutschland Nur mit ärztlicher Indikation (Strahlenschutzgesetz §83)
Limitation Sieht nur kalzifizierte Plaques – weiche Plaques werden nicht erfasst

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Frage Warum wichtig
Wurde vorher ein Ultraschall der peripheren Gefäße durchgeführt? Ultraschall ist strahlungsfrei und kann weiche Plaques erkennen – oft der bessere erste Schritt
Welche therapeutische Konsequenz hat das Ergebnis? Ein CAC-Score sollte eine konkrete Entscheidung beeinflussen, nicht nur „nice to know" sein

Der CAC-Score im Longevity-Kontext

Der CAC-Score (Coronary Artery Calcium Score) ist ein beliebtes Screening-Tool: Ein kurzes CT, keine Kontrastmittel, eine Zahl als Ergebnis. Die Idee ist bestechend – je mehr Kalk in den Koronararterien, desto höher das Risiko für Herzinfarkt und Co.

In den USA können Sie einen CAC-Score oft als Walk-in-Untersuchung bekommen – für 99 bis 199 Dollar, ohne Arztüberweisung. Walk-in-Kliniken werben aktiv damit.

In Deutschland sieht das anders aus.

Die rechtliche Situation in Deutschland

Das Strahlenschutzgesetz (§83 StrlSchG) verlangt für jede CT-Untersuchung eine rechtfertigende Indikation. Das bedeutet:

Ein Arzt mit Fachkunde im Strahlenschutz muss vor der Untersuchung feststellen, dass der gesundheitliche Nutzen das Strahlenrisiko überwiegt

Alternative Verfahren mit geringerer oder keiner Strahlenbelastung müssen erwogen werden

Reine Vorsorge-Screenings ohne klinische Indikation sind formal nicht erlaubt

Praktisch heißt das: Sie können nicht einfach in ein Radiologiezentrum gehen und sagen „Ich hätte gerne einen CAC-Score". Es braucht eine medizinische Begründung.

Das ist keine Schikane, sondern Strahlenschutz. Und es zwingt uns, genau zu überlegen: Bringt diese Untersuchung bei diesem Patienten einen echten Mehrwert?

Unsere Position: Ultraschall zuerst

Bevor wir einen CAC-Score empfehlen, stellen wir fast immer eine andere Frage: Wurde schon ein systematischer Gefäßultraschall gemacht?

Warum Ultraschall oft die bessere erste Wahl ist

Kriterium Ultraschall CAC-Score
Strahlenbelastung Keine 0,5–1,5 mSv
Wiederholbarkeit Beliebig (ideal für Follow-up) Limitiert wegen Strahlung
Weiche Plaques Detektierbar Nein (nur kalzifizierte)
Koronararterien Nicht darstellbar Ja
Kosten Ca. 200–350 € Ca. 150–350 €

Der entscheidende Punkt: Der CAC-Score sieht nur kalzifizierte Plaques. Die gefährlicheren weichen, lipidreichen Plaques – die mit dem höheren Rupturrisiko – bleiben unsichtbar. Der Ultraschall kann sie erkennen.

In der AWHS-Studie (Aragon Workers' Health Study) zeigte sich: Die Femoralgefäße sind häufiger von Plaques betroffen als die Karotiden – und deutlich häufiger als die Koronararterien es zeigen. 54% der 40-59-Jährigen hatten Femoralis-Plaques, während nur 38% einen positiven CAC-Score hatten.

Wer nur den CAC-Score macht, verpasst möglicherweise relevante Befunde.

Das CAC=0 Problem: Falsche Sicherheit?

Ein CAC-Score von 0 ist erstmal beruhigend. Der negative prädiktive Wert für relevante Stenosen (>70%) liegt bei 99% – ausgezeichnet.

Aber: Auch bei CAC=0 können weiche Plaques vorhanden sein.

Prävalenz nicht-kalzifizierter Plaques bei CAC=0

Patientengruppe Weiche Plaques trotz CAC=0
Asymptomatische Patienten 6–11%
Symptomatische Patienten 13–20%
Jüngere Patienten (<40 Jahre) mit obstruktiver KHK 58% hatten CAC=0

Ein CAC von 0 schließt Atherosklerose nicht aus – besonders bei jüngeren Patienten, bei denen die Erkrankung noch nicht kalzifiziert ist.

Das Statin-Paradox: Wenn der CAC-Score steigt

Hier wird es interessant: Statine können den CAC-Score erhöhen.

Die Puri-Studie (JACC 2015) zeigte:

31–39% höhere CAC-Progression bei Statin-Nutzern

Fast doppelte Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittliche CAC-Zunahme

Paradox? Nicht wirklich. Die aktuelle Erklärung:

Statine stabilisieren Plaques, indem sie weiche, lipidreiche Plaques in festere, kalzifizierte Plaques umwandeln. Weniger Lipid, mehr Kalk – stabilerer Plaque, geringeres Rupturrisiko. Der CAC-Score steigt, aber das Risiko sinkt.

Wichtig: In der gleichen Studie führte die CAC-Progression bei Statin-Nutzern nicht zu mehr kardiovaskulären Events. Der steigende Kalkscore unter Statinen ist also wahrscheinlich ein Zeichen der Plaque-Stabilisierung, nicht der Verschlechterung.

Neuere Meta-Analysen zeigen ein etwas differenzierteres Bild: Statine scheinen CAC weder stark zu erhöhen noch zu reduzieren, möglicherweise verlangsamen sie sogar die Progression. Die Datenlage ist nicht ganz eindeutig – aber der klinisch relevante Punkt bleibt:

Praktische Konsequenz: Der CAC-Score ist kein geeigneter Verlaufsparameter unter Statintherapie. Sie können damit nicht messen, ob die Therapie wirkt.

Wann macht der CAC-Score Sinn?

Sinnvolle Indikationen

1. Therapieentscheidung bei erhöhtem Risiko ohne Plaque-Nachweis im Ultraschall

Wenn klassische Risikofaktoren oder genetische Marker (z.B. Lp(a)) erhöht sind, aber der Ultraschall keine peripheren Plaques zeigt. Ein CAC=0 kann hier die Entscheidung gegen eine medikamentöse Therapie unterstützen.

2. Koronararterien direkt beurteilen

Der Ultraschall kann keine Koronararterien darstellen. Wenn die direkte Information über die Herzkranzgefäße therapeutisch relevant ist.

Schwache bis fragliche Indikationen

„Ich brauche eine Zahl zum Motiviertbleiben"

Manche Patienten brauchen objektiv messbare Werte, um bei einer Therapie zu bleiben. Das ist psychologisch nachvollziehbar – aber medizinisch problematisch, weil der CAC-Score unter Therapie steigen kann und sich nicht als Verlaufsparameter eignet.

Wenn überhaupt, ist das eine sehr individuelle, zu diskutierende Indikation.

Keine sinnvolle Indikation

Plaque-Nachweis im Ultraschall bereits vorhanden

Bei einem Patienten mit nachgewiesenen Plaques (z.B. 2 mm in der Karotis oder Femoralis) bringt der CAC-Score selten relevante Zusatzinformation:

  • Atherosklerose ist bereits bewiesen
  • Die therapeutische Konsequenz ändert sich nicht
  • Die zusätzliche Strahlenbelastung ist nicht gerechtfertigt

Praxisbeispiel: Der CAC-Score als Tie-Breaker

Der Fall

Ein 53-jähriger Patient mit deutlich erhöhtem Lp(a) von 128 nmol/l (Zielwert <75 nmol/l) – einem genetisch bedingten Risikofaktor, den man kaum beeinflussen kann.

Was für ihn sprach:

Nie Raucher

Sehr gute Insulinsensitivität

Keine Inflammation (hs-CRP niedrig)

Gute Fitness und Körperzusammensetzung

LDL-C bei 118 mg/dl – nicht schlecht, aber auch nicht optimal

Konsequenter Lifestyle: Ernährung, Bewegung, Blutdruckkontrolle

Die Frage: Sollten wir wegen des erhöhten Lp(a) medikamentös das LDL-C auf unter 100 mg/dl senken?

Unser Vorgehen

Schritt 1: Ultraschall-Screening

Multi-Vessel-Ansatz: Karotiden, Femoralgefäße, Subclavia.

Ergebnis: Keine Plaques. Nirgends.

Schritt 2: CAC-Score

Jetzt war der CAC-Score sinnvoll. Der Ultraschall kann keine Koronararterien beurteilen. Bei einem Lp(a) von 128 nmol/l wollten wir wissen: Gibt es dort bereits kalzifizierte Plaques?

Ergebnis: CAC = 0.

Die Entscheidung

Kein Plaque-Nachweis peripher

CAC = 0

Exzellenter Lifestyle

Wir einigten uns: Keine Statintherapie zum jetzigen Zeitpunkt. Stattdessen:

Lifestyle-Optimierung (er schaffte es auf LDL-C 95 mg/dl – und hielt es)

Regelmäßiges Ultraschall-Monitoring der peripheren Gefäße

Engmaschige Kontrolle der Laborparameter

Wäre der CAC-Score erhöht gewesen, hätten wir stark für eine medikamentöse LDL-Senkung argumentiert – trotz des guten Lifestyles.

Hätte der Patient bereits im Ultraschall Plaques gehabt, hätten wir den CAC-Score nicht gebraucht, um die Frage zu beantworten.

Das Prinzip

Der CAC-Score war hier der Tie-Breaker. Bei einem Patienten mit erhöhtem genetischem Risiko (Lp(a) 128 nmol/l), aber sonst exzellentem Profil und fehlendem Plaque-Nachweis im Ultraschall, hat der CAC-Score die Entscheidung gegen eine frühzeitige Statintherapie unterstützt.

Ohne das erhöhte Lp(a) hätten wir den CAC-Score wahrscheinlich nicht gemacht – der negative Ultraschall hätte gereicht.

Unser Algorithmus

Schritt 1: Multi-Vessel-Ultraschall

Karotis + Femoralis + Subclavia

Plaques gefunden: Atherosklerose bewiesen → kein CAC nötig → Therapie planen

Keine Plaques: weiter zu Schritt 2

Schritt 2: Risikobewertung

Niedriges Risiko, keine Zusatzfaktoren: fertig

Erhöhtes Risiko (Lp(a)↑, Familienanamnese): CAC-Score erwägen

Schritt 3: CAC-Score

(nur bei unklarer Entscheidung trotz negativem Ultraschall)

CAC = 0: sehr geringes koronares Risiko → konservatives Vorgehen möglich

CAC > 0: Atherosklerose bewiesen → Therapie intensivieren

Fazit

Der CAC-Score ist ein wertvolles Tool – aber kein Screening für jeden. In Deutschland braucht jede CT-Untersuchung eine rechtfertigende Indikation, und das ist auch sinnvoll.

Für die meisten Patienten empfehlen wir zuerst einen systematischen Gefäßultraschall. Er ist strahlungsfrei, beliebig wiederholbar und kann auch die gefährlicheren weichen Plaques erkennen.

Der CAC-Score hat seinen Platz:

Als Tie-Breaker bei unklarer Risikolage trotz negativem Ultraschall

Bei spezifischen Risikofaktoren wie erhöhtem Lp(a)

Wenn die direkte Information über die Koronararterien therapeutisch relevant ist

Er ist nicht sinnvoll:

Als alleiniges Screening (verpasst weiche Plaques)

Als Verlaufsparameter unter Statintherapie (kann paradox steigen)

Wenn bereits Plaques im Ultraschall nachgewiesen wurden

Ein CAC von 0 ist beruhigend – aber kein Freifahrtschein. Auch bei CAC=0 können weiche Plaques existieren. Der beste Schutz bleibt: Risikofaktoren kontrollieren, Lifestyle optimieren, regelmäßig monitoren.

Weiterführende Literatur & Wissenschaft

Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt, auf die wir uns in diesem Artikel beziehen.

1 CAC-Score und Statin-Therapie

Impact of Statins on Serial Coronary Calcification During Atheroma Progression and Regression (2015)

Puri R, Nicholls SJ, Shao M, Kataoka Y, Uno K, Kapadia SR, Tuzcu EM, Nissen SE. JACC 2015;65(13):1273-1282.

Zeigt dass Statine die CAC-Progression nicht aufhalten – unabhängig davon, ob Plaques insgesamt schrumpfen. Hinweis auf Plaque-Stabilisierung durch Kalzifizierung.

Link zur Studie (PubMed) →
Coronary Artery Calcification Under Statin Therapy and Its Effect on Cardiovascular Outcomes: A Systematic Review and Meta-Analysis (2020)

Lai R, Ju J, Lin Q, Xu H. Frontiers in Cardiovascular Medicine 2020;7:600497.

Systematischer Review und Meta-Analyse: Statine scheinen CAC weder zu reduzieren noch zu erhöhen, verlangsamen möglicherweise sogar die Progression. Wichtig: CAC-Progression unter Statinen ist nicht mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko assoziiert.

Link zur Studie (PMC) →

2 Weiche Plaques bei CAC=0

Prevalence and Prognostic Implication of Non-Calcified Plaque in Asymptomatic Population with Coronary Artery Calcium Score of Zero (2013)

Choi EK, Choi SI, Rivera JJ et al. Korean Circulation Journal 2013;43(3):154-160.

Zeigt, dass 7% asymptomatischer Patienten mit CAC=0 nicht-kalzifizierte Plaques aufweisen, davon 1% mit obstruktiven Läsionen – ein CAC von Null schließt Atherosklerose nicht aus.

Link zur Studie (PMC) →
Atherosclerotic Plaque in Patients with Zero Calcium Score at Coronary Computed Tomography Angiography (2018)

Montalescot G et al. Arquivos Brasileiros de Cardiologia 2018;110(5):420-427.

Bei 367 Patienten mit CAC=0: 9,3% hatten atherosklerotische Plaques, davon 47% mit signifikanten Stenosen >50%. Besonders häufig bei nicht-adipösen Patienten.

Link zur Studie (PMC) →

3 Multi-Vessel-Scanning & Ultraschall vs. CAC

Femoral and Carotid Subclinical Atherosclerosis Association With Risk Factors and Coronary Calcium: The AWHS Study (2016)

Laclaustra M, Casasnovas JA, Fernández-Ortiz A, Fuster V et al., JACC.

Die Aragon Workers' Health Study zeigt: 54% der 40-59-Jährigen hatten Femoralis-Plaques, aber nur 38% einen positiven CAC-Score. Multi-Vessel-Ultraschall ist sensitiver als CAC allein.

Link zur Studie (PubMed) →

4 Strahlendosis

Radiation Doses in Cardiovascular Computed Tomography (2023)

Kędzierski B, Macek P, Dziadkowiec-Macek B, Truszkiewicz K, Poręba R, Gać P. Life (MDPI) 2023;13(4):990.

Übersicht zur Strahlenbelastung bei kardiovaskulären CT-Untersuchungen mit Methoden zur Dosisoptimierung. Moderne CAC-Score CTs erreichen 0,5–1,5 mSv bei optimiertem Protokoll.

Link zur Studie (PMC) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Longevity Office

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