Gefäßgesundheit sichtbar machen
Warum Ultraschall mehr kann als sein Ruf
Plaque Burden, Multi-Vessel-Scanning und warum IMT allein nicht reicht – ein Deep Dive in die ultraschallbasierte Atherosklerose-Diagnostik
Auf einen Blick
| Strahlenbelastung | Keine |
| Kontrastmittel | Nein |
| Wiederholbarkeit | Ideal für Follow-up (beliebig wiederholbar) |
| Limitation | Koronararterien nicht darstellbar (dafür: CAC-Score oder CT-Angiogramm) |
| Kosten (Selbstzahler) | Ca. 200–350 € |
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| Frage | Warum wichtig |
|---|---|
| Werden auch Femoralgefäße untersucht? | Femoralis zeigt oft früher Plaques als Karotis – wer nur Karotis untersucht, verpasst viele Befunde |
| Werden auch Subclavia und Bauchaorta untersucht? | Multi-Vessel-Ansatz erhöht die Sensitivität erheblich |
| Wird nur IMT gemessen oder auch systematisch nach Plaques gesucht? | IMT allein reicht nicht – eine normale IMT schließt relevante Plaques nicht aus |
| Werden Plaques quantitativ dokumentiert (Anzahl, Dicke in mm, Morphologie)? | Befunde wie „altersentsprechend" oder „leichte Makroangiopathie" sagen zu wenig aus |
| Wird der Stenosegrad dokumentiert? | Wichtig für Verlaufsbeurteilung |
| Werden beide Seiten untersucht? | Atherosklerose ist oft asymmetrisch |
Für Verlaufskontrollen
Gleiche Messpunkte wie bei der Voruntersuchung
Quantitative Dokumentation (Zahlen, nicht nur „Plaque vorhanden", „altersentsprechender Befund")
Idealerweise gleicher Untersucher und gleiches Gerät
Die Frage, die wir oft hören
„Sollte ich einen CAC-Score machen lassen?" „Was halten Sie von einem CT-Angiogramm?"
Diese Fragen kommen regelmäßig. Beides sind valide Untersuchungen. Aber es gibt eine Alternative, die oft unterschätzt wird: der Gefäßultraschall.
Keine Strahlung. Beliebig wiederholbar. In der Lage, auch weiche Plaques zu erkennen – und bei richtiger Durchführung mindestens genauso aussagekräftig wie der CAC-Score.
Das Problem: Oft werden Ultraschall-Untersuchungen etwas zu oberflächlich durchgeführt. Nur Karotiden. Nur IMT. Keine systematische Plaque-Dokumentation. Dabei steckt im Ultraschall viel mehr Potenzial.
Das Problem mit der Intima-Media-Dicke
Jahrelang galt die Intima-Media-Dicke (IMT) der Karotiden als der Surrogatmarker für Atherosklerose. Wert unter 1.0 mm – alles gut. Über 1.5 mm – Alarm.
Die Realität ist komplizierter.
Die ESC-Leitlinien von 2019 haben die systematische IMT-Messung zur Risikostratifizierung gestrichen. Der Grund: methodische Standardisierungsprobleme und fehlender Mehrwert in der Vorhersage kardiovaskulärer Ereignisse.
Was wir in der Praxis immer wieder sehen: Ein Patient mit einer IMT von 0.8 mm – „völlig normal" laut Befund. Aber etwas weiter entfernt sitzt ein 2.5 mm dicker Plaque. Die IMT misst nur die diffuse Wandverdickung. Fokale Läsionen – also echte Plaques – werden damit oft nicht ausreichend widergespiegelt.
Eine normale IMT schließt relevante Plaques nicht aus.
Was wir wirklich messen wollen: Plaque Burden
Der Begriff „Plaque Burden" beschreibt die Gesamtlast an atherosklerotischen Veränderungen. Nicht nur: „Gibt es einen Plaque?" Sondern: Wie viele? Wie dick? Wie groß? Und welcher Typ?
Plaque-Definition nach Mannheim Consensus
Ein Plaque liegt vor, wenn:
Die Wandverdickung ≥0.5 mm in das Lumen ragt, oder
Die Verdickung ≥50% größer ist als die umgebende IMT, oder
Die IMT ≥1.5 mm beträgt
Was dokumentiert werden sollte
| Parameter | Warum wichtig |
|---|---|
| Anzahl der Plaques | Gesamtlast abschätzen |
| Maximale Plaque-Dicke (mm) | Ausmaß der Erkrankung und Verlaufsbeurteilung |
| Ausmaß der Stenose (%) | Einschätzung für nötige Intervention und Verlaufsbeurteilung |
| Plaque-Fläche/Volumen | Quantifizierung für Follow-up |
| Morphologie | Risikostratifizierung |
Morphologie: Nicht alle Plaques sind gleich
| Plaque-Typ | Erscheinung | Risiko |
|---|---|---|
| Kalzifiziert | Echogen, Schallschatten | Niedriger (stabiler) |
| Fibrotisch | Isoechogen | Mittel |
| Lipidreich/weich | Echoarm | Höher (vulnerabel) |
Weiche, echoarme Plaques haben ein höheres Rupturrisiko – und damit ein höheres Risiko für akute Ereignisse. Das CT mit CAC-Score sieht nur kalzifizierte Plaques. Der Ultraschall kann auch die gefährlicheren weichen Plaques detektieren.
Was „keine relevante Stenose" wirklich bedeutet
In Befunden steht oft: „Keine relevante Stenose", „altersentsprechender Befund" oder „Keine hämodynamisch wirksame Makroangiopathie". Das klingt beruhigend – und ist faktisch korrekt. Eine „relevante Stenose" bezeichnet eine Einengung des Gefäßlumens um mehr als 50%, die den Blutfluss beeinträchtigt. Unterhalb dieser Schwelle besteht kein akutes Risiko für einen Schlaganfall durch Minderdurchblutung.
Aber: Im Longevity-Kontext ist diese Schwelle nicht das, was uns interessiert.
Was zählt, ist nicht nur, wie stark ein Plaque das Gefäß einengt – sondern dass überhaupt Plaques vorhanden sind. Ein 2.5 mm dicker Plaque, der das Lumen nur zu 20% einengt, ist keine akute Gefahr. Aber er ist ein deutliches Zeichen beginnender Atherosklerose – und ein Warnsignal, das zum Handeln auffordert.
Das Problem: In Kurzbefunden liest man häufig nur „altersentsprechend" oder „keine relevanten Stenosen". Erst der Blick in den ausführlichen Befundbericht – den viele Patienten nie zu sehen bekommen – zeigt dann: „2 Plaques, maximale Dicke 2.5 mm".
Keine akute Gefahr, aber deutliche Zeichen abnehmender Gefäßgesundheit und Notwendigkeit zum Gegensteuern.
Genau deshalb ist eine gute Dokumentation so wichtig: Nicht nur „Stenose ja/nein", sondern Anzahl, Dicke und Morphologie der Plaques – auch wenn sie noch keine relevante Stenose verursachen.
Warum ein Gefäß nicht reicht
Die meisten Gefäßultraschall-Untersuchungen beschränken sich auf die Karotiden. Das ist ein Problem – und zwar ein großes.
Die AWHS-Studie zeigt warum
In der Aragon Workers' Health Study (Laclaustra et al., JACC 2016) wurden 1.423 Männer zwischen 40 und 59 Jahren untersucht. 72% hatten subklinische Atherosklerose in mindestens einem Gefäßbett.
| Gefäßregion | Prävalenz von Plaques |
|---|---|
| Femoralarterien | 54% |
| Koronararterien (CAC >0) | 38% |
| Karotiden | 34% |
Die Femoralgefäße sind am häufigsten betroffen – deutlich vor den Karotiden.
Wer nur die Karotiden untersucht, verpasst einen großen Teil der Patienten mit subklinischer Atherosklerose.
Femoralis als Frühindikator
In vielen Fällen zeigen die Femoralgefäße bereits Plaques, während die Karotiden noch völlig unauffällig sind. Das macht sie zu einem sensitiveren Frühmarker – besonders bei jüngeren Patienten.
Welche Gefäße sollten untersucht werden?
| Gefäß | Begründung |
|---|---|
| A. carotis (communis, Bulbus, interna) | Etabliert, gut zugänglich |
| A. femoralis communis | Oft früher betroffen als Carotis |
| A. subclavia | Zusätzliche Gefäßregion |
| Bauchaorta | Zusätzliche Gefäßregion und Beurteilung von Aortenaneurysma |
Ein Multi-Vessel-Ansatz – Karotis plus Femoralis plus idealerweise Subclavia und Bauchaorta – erhöht die Sensitivität erheblich.
Die Kombination macht den Unterschied
Die AWHS-Studie hat auch gezeigt: Die beste Vorhersage für koronare Atherosklerose (also einen positiven CAC-Score) erreicht man durch die Kombination aus:
Klassische Risikofaktoren + Karotis-Ultraschall + Femoralis-Ultraschall
Diese Kombination hat eine höhere AUC (Fläche unter der ROC-Kurve) als:
Risikofaktoren allein
Risikofaktoren + nur Karotis-Ultraschall
Anders gesagt: Wenn Sie wissen wollen, ob in Ihren Koronararterien etwas ist, schauen Sie sich auch die Femoralgefäße an.
Plaque Burden schlägt CAC-Score
Eine aktuelle Studie (Fuster et al., JACC 2024) hat die prognostische Wertigkeit direkt verglichen. Bei 5.716 asymptomatischen Erwachsenen wurde über 12 Jahre die Mortalität verfolgt.
| Marker | Hazard Ratio für Mortalität |
|---|---|
| Carotid Plaque Burden | 1.23 (95% KI: 1.16–1.32) |
| CAC Score | 1.15 (95% KI: 1.08–1.23) |
Der ultraschallbasierte Plaque Burden war stärker prädiktiv für die Gesamtmortalität als der CAC-Score.
Und: Die Progression des Plaque Burdens über Zeit war ebenfalls ein unabhängiger Prädiktor. Das bedeutet: Ultraschall eignet sich nicht nur für die Erstdiagnose, sondern auch für die Verlaufskontrolle – etwas, das beim CT wegen der Strahlenbelastung limitiert ist.
Ultraschall vs. CAC vs. CTA: Ein Vergleich
| Kriterium | Ultraschall | CAC-Score | CT-Angiographie (CTA) |
|---|---|---|---|
| Strahlenbelastung | Keine | Niedrig (~1 mSv) | Mittel (~3–5 mSv) |
| Kontrastmittel | Nein | Nein | Ja |
| Wiederholbarkeit | Ideal für Follow-up | Limitiert | Limitiert |
| Weiche Plaques | Detektierbar | Nein (nur kalzifizierte) | Ja |
| Koronararterien | Nicht darstellbar | Ja | Ja (mit Stenosegrad) |
| Kosten (Selbstzahler) | Mittel (~200–350 €) | Niedrig (~150–200 €) | Hoch (~400 €) |
Der CAC-Score hat seinen Platz – besonders als schnelles, kontrastmittelfreies Screening der Koronararterien. Die CTA liefert detailliertere Informationen über Stenosegrade und weiche Plaques, erfordert aber Kontrastmittel. Für ein umfassendes Bild der peripheren Gefäßgesundheit, für die Detektion weicher Plaques und für regelmäßige Verlaufskontrollen ist der Ultraschall oft die bessere Wahl.
Worauf Sie bei der Untersuchung achten sollten
Wenn Sie einen Gefäßultraschall anfragen, stellen Sie sicher, dass mehr gemacht wird als nur „Carotis-Ultraschall mit IMT":
Checkliste für die Untersuchung
Femoralgefäße mituntersuchen – nicht nur Karotiden
Subclavia-Arterien – falls möglich
Plaque-Dokumentation: Anzahl, maximale Dicke, Morphologie
Nicht nur IMT – sondern systematische Plaque-Suche
Beide Seiten – Atherosklerose ist oft asymmetrisch
Für Verlaufskontrollen wichtig
Gleiche Messpunkte wie bei der Voruntersuchung
Quantitative Dokumentation (Zahlen, nicht nur „Plaque vorhanden", „altersentsprechender Befund")
Idealerweise gleicher Untersucher und gleiches Gerät
Fazit
Ultraschall ist mehr als ein schneller Blick auf die Halsschlagader. Richtig durchgeführt – mit Multi-Vessel-Scanning, systematischer Plaque-Dokumentation und Augenmerk auf Morphologie – ist er ein mächtiges Werkzeug zur Beurteilung der Gefäßgesundheit.
Die IMT allein reicht nicht. Was zählt, ist der Plaque Burden: Wie viele Plaques, wie dick, und welcher Typ. Die Femoralgefäße sollten immer mit dabei sein – sie sind oft früher betroffen als die Karotiden.
Für Patienten, die ihre kardiovaskuläre Gesundheit überwachen wollen – ohne Strahlung, mit der Möglichkeit zur Verlaufskontrolle – ist der erweiterte Gefäßultraschall eine exzellente Option.
Weiterführende Literatur & Wissenschaft
Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt, auf die wir uns in diesem Artikel beziehen.
1 Prognose & Plaque Burden
Influence of Subclinical Atherosclerosis Burden and Progression on Mortality (2024)
Fuster V, García-Álvarez A, Devesa A et al., JACC.
Zeigt die prognostische Überlegenheit des ultraschallbasierten Plaque Burden gegenüber dem CAC-Score bei 5.716 asymptomatischen Erwachsenen über 12 Jahre Follow-up.
Link zur Studie (PubMed) →2 Multi-Vessel-Scanning & Femoralgefäße
Femoral and Carotid Subclinical Atherosclerosis Association With Risk Factors and Coronary Calcium: The AWHS Study (2016)
Laclaustra M, Casasnovas JA, Fernández-Ortiz A, Fuster V et al., JACC.
Die Aragon Workers' Health Study belegt die höhere Prävalenz von Plaques in Femoralgefäßen (54%) gegenüber Karotiden (34%) und zeigt, dass die Kombination aus Karotis- und Femoralis-Ultraschall die beste Vorhersage für koronare Atherosklerose liefert.
Link zur Studie (PubMed) →3 Leitlinien & Standards
ESC/EAS Guidelines for the Management of Dyslipidaemias (2019)
Mach F et al., European Heart Journal.
Die aktuellen europäischen Leitlinien empfehlen den Plaque-Nachweis statt der IMT-Messung zur kardiovaskulären Risikostratifizierung. Die systematische IMT-Messung wird nicht mehr empfohlen.
Link zur Leitlinie (PubMed) →Mannheim Carotid Intima-Media Thickness and Plaque Consensus (2004-2006-2011)
Touboul PJ, Hennerici MG, Meairs S et al., Cerebrovascular Diseases (2012).
Der methodische Standard für die Definition von Plaques im Ultraschall: Wandverdickung ≥0.5 mm in das Lumen, ≥50% größer als umgebende IMT, oder IMT ≥1.5 mm.
Link zur Publikation (PubMed) →Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels
Longevity Office