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Gefäßgesundheit sichtbar machen

Herz + Gefäße 7 Min. Lesezeit 09. Dez 2025

Gefäßgesundheit sichtbar machen

Gefäßgesundheit sichtbar machen

Warum Ultraschall mehr kann als sein Ruf

Plaque Burden, Multi-Vessel-Scanning und warum IMT allein nicht reicht – ein Deep Dive in die ultraschallbasierte Atherosklerose-Diagnostik

Auf einen Blick

Strahlenbelastung Keine
Kontrastmittel Nein
Wiederholbarkeit Ideal für Follow-up (beliebig wiederholbar)
Limitation Koronararterien nicht darstellbar (dafür: CAC-Score oder CT-Angiogramm)
Kosten (Selbstzahler) Ca. 200–350 €

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Frage Warum wichtig
Werden auch Femoralgefäße untersucht? Femoralis zeigt oft früher Plaques als Karotis – wer nur Karotis untersucht, verpasst viele Befunde
Werden auch Subclavia und Bauchaorta untersucht? Multi-Vessel-Ansatz erhöht die Sensitivität erheblich
Wird nur IMT gemessen oder auch systematisch nach Plaques gesucht? IMT allein reicht nicht – eine normale IMT schließt relevante Plaques nicht aus
Werden Plaques quantitativ dokumentiert (Anzahl, Dicke in mm, Morphologie)? Befunde wie „altersentsprechend" oder „leichte Makroangiopathie" sagen zu wenig aus
Wird der Stenosegrad dokumentiert? Wichtig für Verlaufsbeurteilung
Werden beide Seiten untersucht? Atherosklerose ist oft asymmetrisch

Für Verlaufskontrollen

Gleiche Messpunkte wie bei der Voruntersuchung

Quantitative Dokumentation (Zahlen, nicht nur „Plaque vorhanden", „altersentsprechender Befund")

Idealerweise gleicher Untersucher und gleiches Gerät

Die Frage, die wir oft hören

„Sollte ich einen CAC-Score machen lassen?" „Was halten Sie von einem CT-Angiogramm?"

Diese Fragen kommen regelmäßig. Beides sind valide Untersuchungen. Aber es gibt eine Alternative, die oft unterschätzt wird: der Gefäßultraschall.

Keine Strahlung. Beliebig wiederholbar. In der Lage, auch weiche Plaques zu erkennen – und bei richtiger Durchführung mindestens genauso aussagekräftig wie der CAC-Score.

Das Problem: Oft werden Ultraschall-Untersuchungen etwas zu oberflächlich durchgeführt. Nur Karotiden. Nur IMT. Keine systematische Plaque-Dokumentation. Dabei steckt im Ultraschall viel mehr Potenzial.

Das Problem mit der Intima-Media-Dicke

Jahrelang galt die Intima-Media-Dicke (IMT) der Karotiden als der Surrogatmarker für Atherosklerose. Wert unter 1.0 mm – alles gut. Über 1.5 mm – Alarm.

Die Realität ist komplizierter.

Die ESC-Leitlinien von 2019 haben die systematische IMT-Messung zur Risikostratifizierung gestrichen. Der Grund: methodische Standardisierungsprobleme und fehlender Mehrwert in der Vorhersage kardiovaskulärer Ereignisse.

Was wir in der Praxis immer wieder sehen: Ein Patient mit einer IMT von 0.8 mm – „völlig normal" laut Befund. Aber etwas weiter entfernt sitzt ein 2.5 mm dicker Plaque. Die IMT misst nur die diffuse Wandverdickung. Fokale Läsionen – also echte Plaques – werden damit oft nicht ausreichend widergespiegelt.

Eine normale IMT schließt relevante Plaques nicht aus.

Was wir wirklich messen wollen: Plaque Burden

Der Begriff „Plaque Burden" beschreibt die Gesamtlast an atherosklerotischen Veränderungen. Nicht nur: „Gibt es einen Plaque?" Sondern: Wie viele? Wie dick? Wie groß? Und welcher Typ?

Plaque-Definition nach Mannheim Consensus

Ein Plaque liegt vor, wenn:

Die Wandverdickung ≥0.5 mm in das Lumen ragt, oder

Die Verdickung ≥50% größer ist als die umgebende IMT, oder

Die IMT ≥1.5 mm beträgt

Was dokumentiert werden sollte

Parameter Warum wichtig
Anzahl der Plaques Gesamtlast abschätzen
Maximale Plaque-Dicke (mm) Ausmaß der Erkrankung und Verlaufsbeurteilung
Ausmaß der Stenose (%) Einschätzung für nötige Intervention und Verlaufsbeurteilung
Plaque-Fläche/Volumen Quantifizierung für Follow-up
Morphologie Risikostratifizierung

Morphologie: Nicht alle Plaques sind gleich

Plaque-Typ Erscheinung Risiko
Kalzifiziert Echogen, Schallschatten Niedriger (stabiler)
Fibrotisch Isoechogen Mittel
Lipidreich/weich Echoarm Höher (vulnerabel)

Weiche, echoarme Plaques haben ein höheres Rupturrisiko – und damit ein höheres Risiko für akute Ereignisse. Das CT mit CAC-Score sieht nur kalzifizierte Plaques. Der Ultraschall kann auch die gefährlicheren weichen Plaques detektieren.

Was „keine relevante Stenose" wirklich bedeutet

In Befunden steht oft: „Keine relevante Stenose", „altersentsprechender Befund" oder „Keine hämodynamisch wirksame Makroangiopathie". Das klingt beruhigend – und ist faktisch korrekt. Eine „relevante Stenose" bezeichnet eine Einengung des Gefäßlumens um mehr als 50%, die den Blutfluss beeinträchtigt. Unterhalb dieser Schwelle besteht kein akutes Risiko für einen Schlaganfall durch Minderdurchblutung.

Aber: Im Longevity-Kontext ist diese Schwelle nicht das, was uns interessiert.

Was zählt, ist nicht nur, wie stark ein Plaque das Gefäß einengt – sondern dass überhaupt Plaques vorhanden sind. Ein 2.5 mm dicker Plaque, der das Lumen nur zu 20% einengt, ist keine akute Gefahr. Aber er ist ein deutliches Zeichen beginnender Atherosklerose – und ein Warnsignal, das zum Handeln auffordert.

Das Problem: In Kurzbefunden liest man häufig nur „altersentsprechend" oder „keine relevanten Stenosen". Erst der Blick in den ausführlichen Befundbericht – den viele Patienten nie zu sehen bekommen – zeigt dann: „2 Plaques, maximale Dicke 2.5 mm".

Keine akute Gefahr, aber deutliche Zeichen abnehmender Gefäßgesundheit und Notwendigkeit zum Gegensteuern.

Genau deshalb ist eine gute Dokumentation so wichtig: Nicht nur „Stenose ja/nein", sondern Anzahl, Dicke und Morphologie der Plaques – auch wenn sie noch keine relevante Stenose verursachen.

Warum ein Gefäß nicht reicht

Die meisten Gefäßultraschall-Untersuchungen beschränken sich auf die Karotiden. Das ist ein Problem – und zwar ein großes.

Die AWHS-Studie zeigt warum

In der Aragon Workers' Health Study (Laclaustra et al., JACC 2016) wurden 1.423 Männer zwischen 40 und 59 Jahren untersucht. 72% hatten subklinische Atherosklerose in mindestens einem Gefäßbett.

Gefäßregion Prävalenz von Plaques
Femoralarterien 54%
Koronararterien (CAC >0) 38%
Karotiden 34%

Die Femoralgefäße sind am häufigsten betroffen – deutlich vor den Karotiden.

Wer nur die Karotiden untersucht, verpasst einen großen Teil der Patienten mit subklinischer Atherosklerose.

Femoralis als Frühindikator

In vielen Fällen zeigen die Femoralgefäße bereits Plaques, während die Karotiden noch völlig unauffällig sind. Das macht sie zu einem sensitiveren Frühmarker – besonders bei jüngeren Patienten.

Welche Gefäße sollten untersucht werden?

Gefäß Begründung
A. carotis (communis, Bulbus, interna) Etabliert, gut zugänglich
A. femoralis communis Oft früher betroffen als Carotis
A. subclavia Zusätzliche Gefäßregion
Bauchaorta Zusätzliche Gefäßregion und Beurteilung von Aortenaneurysma

Ein Multi-Vessel-Ansatz – Karotis plus Femoralis plus idealerweise Subclavia und Bauchaorta – erhöht die Sensitivität erheblich.

Die Kombination macht den Unterschied

Die AWHS-Studie hat auch gezeigt: Die beste Vorhersage für koronare Atherosklerose (also einen positiven CAC-Score) erreicht man durch die Kombination aus:

Klassische Risikofaktoren + Karotis-Ultraschall + Femoralis-Ultraschall

Diese Kombination hat eine höhere AUC (Fläche unter der ROC-Kurve) als:

Risikofaktoren allein

Risikofaktoren + nur Karotis-Ultraschall

Anders gesagt: Wenn Sie wissen wollen, ob in Ihren Koronararterien etwas ist, schauen Sie sich auch die Femoralgefäße an.

Plaque Burden schlägt CAC-Score

Eine aktuelle Studie (Fuster et al., JACC 2024) hat die prognostische Wertigkeit direkt verglichen. Bei 5.716 asymptomatischen Erwachsenen wurde über 12 Jahre die Mortalität verfolgt.

Marker Hazard Ratio für Mortalität
Carotid Plaque Burden 1.23 (95% KI: 1.16–1.32)
CAC Score 1.15 (95% KI: 1.08–1.23)

Der ultraschallbasierte Plaque Burden war stärker prädiktiv für die Gesamtmortalität als der CAC-Score.

Und: Die Progression des Plaque Burdens über Zeit war ebenfalls ein unabhängiger Prädiktor. Das bedeutet: Ultraschall eignet sich nicht nur für die Erstdiagnose, sondern auch für die Verlaufskontrolle – etwas, das beim CT wegen der Strahlenbelastung limitiert ist.

Ultraschall vs. CAC vs. CTA: Ein Vergleich

Kriterium Ultraschall CAC-Score CT-Angiographie (CTA)
Strahlenbelastung Keine Niedrig (~1 mSv) Mittel (~3–5 mSv)
Kontrastmittel Nein Nein Ja
Wiederholbarkeit Ideal für Follow-up Limitiert Limitiert
Weiche Plaques Detektierbar Nein (nur kalzifizierte) Ja
Koronararterien Nicht darstellbar Ja Ja (mit Stenosegrad)
Kosten (Selbstzahler) Mittel (~200–350 €) Niedrig (~150–200 €) Hoch (~400 €)

Der CAC-Score hat seinen Platz – besonders als schnelles, kontrastmittelfreies Screening der Koronararterien. Die CTA liefert detailliertere Informationen über Stenosegrade und weiche Plaques, erfordert aber Kontrastmittel. Für ein umfassendes Bild der peripheren Gefäßgesundheit, für die Detektion weicher Plaques und für regelmäßige Verlaufskontrollen ist der Ultraschall oft die bessere Wahl.

Worauf Sie bei der Untersuchung achten sollten

Wenn Sie einen Gefäßultraschall anfragen, stellen Sie sicher, dass mehr gemacht wird als nur „Carotis-Ultraschall mit IMT":

Checkliste für die Untersuchung

1

Femoralgefäße mituntersuchen – nicht nur Karotiden

2

Subclavia-Arterien – falls möglich

3

Plaque-Dokumentation: Anzahl, maximale Dicke, Morphologie

4

Nicht nur IMT – sondern systematische Plaque-Suche

5

Beide Seiten – Atherosklerose ist oft asymmetrisch

Für Verlaufskontrollen wichtig

Gleiche Messpunkte wie bei der Voruntersuchung

Quantitative Dokumentation (Zahlen, nicht nur „Plaque vorhanden", „altersentsprechender Befund")

Idealerweise gleicher Untersucher und gleiches Gerät

Fazit

Ultraschall ist mehr als ein schneller Blick auf die Halsschlagader. Richtig durchgeführt – mit Multi-Vessel-Scanning, systematischer Plaque-Dokumentation und Augenmerk auf Morphologie – ist er ein mächtiges Werkzeug zur Beurteilung der Gefäßgesundheit.

Die IMT allein reicht nicht. Was zählt, ist der Plaque Burden: Wie viele Plaques, wie dick, und welcher Typ. Die Femoralgefäße sollten immer mit dabei sein – sie sind oft früher betroffen als die Karotiden.

Für Patienten, die ihre kardiovaskuläre Gesundheit überwachen wollen – ohne Strahlung, mit der Möglichkeit zur Verlaufskontrolle – ist der erweiterte Gefäßultraschall eine exzellente Option.

Weiterführende Literatur & Wissenschaft

Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt, auf die wir uns in diesem Artikel beziehen.

1 Prognose & Plaque Burden

Influence of Subclinical Atherosclerosis Burden and Progression on Mortality (2024)

Fuster V, García-Álvarez A, Devesa A et al., JACC.

Zeigt die prognostische Überlegenheit des ultraschallbasierten Plaque Burden gegenüber dem CAC-Score bei 5.716 asymptomatischen Erwachsenen über 12 Jahre Follow-up.

Link zur Studie (PubMed) →

2 Multi-Vessel-Scanning & Femoralgefäße

Femoral and Carotid Subclinical Atherosclerosis Association With Risk Factors and Coronary Calcium: The AWHS Study (2016)

Laclaustra M, Casasnovas JA, Fernández-Ortiz A, Fuster V et al., JACC.

Die Aragon Workers' Health Study belegt die höhere Prävalenz von Plaques in Femoralgefäßen (54%) gegenüber Karotiden (34%) und zeigt, dass die Kombination aus Karotis- und Femoralis-Ultraschall die beste Vorhersage für koronare Atherosklerose liefert.

Link zur Studie (PubMed) →

3 Leitlinien & Standards

ESC/EAS Guidelines for the Management of Dyslipidaemias (2019)

Mach F et al., European Heart Journal.

Die aktuellen europäischen Leitlinien empfehlen den Plaque-Nachweis statt der IMT-Messung zur kardiovaskulären Risikostratifizierung. Die systematische IMT-Messung wird nicht mehr empfohlen.

Link zur Leitlinie (PubMed) →
Mannheim Carotid Intima-Media Thickness and Plaque Consensus (2004-2006-2011)

Touboul PJ, Hennerici MG, Meairs S et al., Cerebrovascular Diseases (2012).

Der methodische Standard für die Definition von Plaques im Ultraschall: Wandverdickung ≥0.5 mm in das Lumen, ≥50% größer als umgebende IMT, oder IMT ≥1.5 mm.

Link zur Publikation (PubMed) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Longevity Office

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