Low-Dose CT der Lunge: Wann das Screening sinnvoll ist
– und für wen nicht
Wann sich das Screening lohnt, wann nicht – und was wir Nicht-Rauchern raten, die unbedingt mehr wollen
Auf einen Blick
| Strahlenbelastung | 1,0–1,5 mSv (ca. ⅕ eines normalen CT Thorax) |
| Dauer | 10–15 Minuten |
| Kosten (Selbstzahler) | Ca. 150–300 € |
| Kassenleistung | Ab April 2026 für Hochrisikopatienten |
| Evidenz | NLST: 20% Mortalitätsreduktion, NELSON: 24% |
| Limitation | Falsch-Positive möglich, Überdiagnose, nur für Hochrisikogruppe empfohlen |
Ihre Vorbereitung
| Was Sie beachten sollten | Warum wichtig |
|---|---|
| Keine besondere Vorbereitung nötig | Sie müssen nicht nüchtern sein |
| Bequeme Kleidung ohne Metall | Erleichtert die Untersuchung |
| Vorherige Bildgebung mitbringen | Ermöglicht Vergleich mit älteren Aufnahmen |
Fragen Sie Ihren Anbieter
| Frage | Warum wichtig |
|---|---|
| Wird eine volumenbasierte Nodule-Bewertung durchgeführt? | Misst das Volumen von Rundherden statt nur den Durchmesser – reduziert Falsch-Positive deutlich (NELSON: 1,2% vs. bis zu 24%). Noch nicht überall Standard, aber Best Practice. |
| Welches Klassifikationssystem wird verwendet? | Lung-RADS (amerikanisch, diameter-basiert) oder volumenbasierte Protokolle (europäisch, NELSON-Ansatz) – beide sind etabliert und valide. |
| Was passiert bei einem auffälligen Befund? | Strukturiertes Follow-up wichtig – nicht jeder Rundherd ist Krebs. Fragen Sie nach dem konkreten Vorgehen bei Kontrollbedürftigkeit. |
Warum Lungenkrebs-Früherkennung wirklich zählt
Lungenkrebs ist heimtückisch. Bei Männern über 60 wird Prostatakrebs zwar häufiger diagnostiziert (30% aller Tumoren), aber Lungenkrebs ist der tödlichste: Er verursacht 30,6% aller Krebstodesfälle – fast viermal mehr als Prostatakrebs.
Der Grund: Lungenkrebs wird oft erst spät entdeckt. Im Stadium I liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei über 70%. Im Stadium IV bei unter 10%.
Früherkennung kann hier tatsächlich Leben retten – aber nur bei den richtigen Patienten.
Die Evidenz: Zwei Landmark-Studien
NLST-Studie (National Lung Screening Trial, USA)
Die NLST-Studie war der Durchbruch. 53.454 Hochrisiko-Raucher wurden randomisiert – LDCT vs. konventionelles Röntgen-Thorax.
20% Reduktion der Lungenkrebs-Mortalität
6,7% Reduktion der Gesamtmortalität
Number Needed to Screen: ~320 Personen über 3 Jahre, um einen Lungenkrebstod zu verhindern
Das Problem: 24,2% falsch-positive Befunde. Fast jeder vierte Screening-Teilnehmer hatte einen auffälligen Befund, der sich letztlich als harmlos herausstellte.
NELSON-Studie (Niederlande/Belgien)
Die europäische NELSON-Studie lieferte 2020 die Bestätigung – und eine wichtige Verbesserung.
24% Reduktion der Lungenkrebs-Mortalität bei Männern
33% Mortalitätsreduktion bei Frauen (Subgruppe)
Entscheidend: Nur 1,2% falsch-positive Befunde
Der Unterschied? NELSON verwendete eine volumenbasierte Nodule-Bewertung statt nur den Durchmesser. Bei diesem Ansatz wird das Volumen eines Rundherds gemessen und über die Zeit verfolgt (Volume Doubling Time). Ein Rundherd, der nicht wächst, wird beobachtet – nicht sofort biopsiert.
Zwei Klassifikationssysteme im Überblick
| System | Ansatz | Verbreitung |
|---|---|---|
| Lung-RADS | Diameter-basiert | USA, weit verbreitet |
| NELSON-Protokoll | Volumen-basiert | Europa, zunehmend empfohlen |
In Deutschland ist noch nicht abschließend festgelegt, welches System im Kassenscreening ab 2026 verbindlich wird. In Fachkreisen gilt der volumenbasierte Ansatz jedoch als überlegen – bessere Spezifität, weniger Falsch-Positive.
Unser Fazit: LDCT-Screening rettet Leben bei Hochrisikopatienten. Aber die Methode der Befundung macht einen Unterschied – fragen Sie nach dem verwendeten Protokoll.
Die Schattenseite: Falsch-Positive und Überdiagnose
Was passiert bei einem positiven Befund?
Ein „positiver" LDCT-Befund bedeutet: Es wurde ein Lungenrundherd gefunden. Das heißt nicht, dass Sie Krebs haben.
Die meisten Rundherde sind gutartig
Bei strukturiertem Follow-up und volumenbasierter Bewertung: nur 1–2% Falsch-Positive
Bei älteren Protokollen: bis zu 24% Falsch-Positive
Das Problem der Überdiagnose
Überdiagnose bedeutet: Ein Krebs wird entdeckt, der zu Lebzeiten des Patienten nie symptomatisch geworden wäre.
Geschätzte Raten:
- • NLST: 18–25% Überdiagnose
- • Modellierungen: bis zu 67% bei sehr indolenten Tumoren
Das Problem: Wir können derzeit nicht zuverlässig unterscheiden, welcher Tumor aggressiv wird und welcher nicht. Also wird behandelt – mit allen Konsequenzen.
Das ist kein Argument gegen das Screening – aber ein Argument dafür, es nur bei Patienten durchzuführen, deren Risiko den potenziellen Schaden überwiegt.
Unsere Position: Differenziert statt pauschal
Für wen ist LDCT-Screening sinnvoll?
Klare Indikation (nach G-BA-Beschluss Juni 2025):
- Alter 50–75 Jahre
- ≥25 Raucherjahre (ohne lange Unterbrechung) UND ≥15 Packungsjahre
- Aktive Raucher ODER Rauchstopp innerhalb der letzten 10 Jahre
Für diese Patienten überwiegt der Nutzen (20–24% Mortalitätsreduktion) die Risiken.
Ab April 2026 wird das LDCT-Screening für diese Gruppe Kassenleistung.
Wichtig: Die deutschen Kriterien unterscheiden sich von den US-Kriterien aus den Studien (NLST: ≥30 Packungsjahre, Rauchstopp <15 Jahre). Deutschland hat niedrigere Packungsjahre-Schwellen, aber eine kürzere Rauchstopp-Grenze.
Wie läuft das Screening ab April 2026 ab?
Eignungsfeststellung: Ihr Hausarzt, Internist oder Arbeitsmediziner prüft, ob Sie die Kriterien erfüllen
Überweisung: Bei Eignung Überweisung an einen qualifizierten Radiologen
LDCT-Untersuchung: Mit software-gestützter Befundung
Bei auffälligem Befund: Zweitbefundung durch einen Radiologen aus einem Lungenkrebszentrum – beide müssen gemeinsam zu einer Empfehlung kommen
Screening-Intervall: Alle 12 Monate
Für wen ist LDCT-Screening nicht empfohlen?
Ohne Raucheranamnese:
Lungenkrebs bei Nie-Rauchern ist selten – und das Screening hat bei dieser Gruppe keinen nachgewiesenen Nutzen. Die Studien haben ausschließlich Hochrisiko-Raucher eingeschlossen. Wir können die Ergebnisse nicht auf Nie-Raucher übertragen.
Die Alternative: MRT statt CT
Was ist mit Patienten, die keine Raucher sind, aber dennoch ein Lungenscreening wünschen? Vielleicht aus familiärer Sorge, vielleicht aus dem Wunsch nach maximaler Prävention?
Hier kommt das Lungen-MRT mit UTE-Protokoll ins Spiel.
Was ist das?
Pulmonale MRT mit ultrakurzer Echozeit (UTE = Ultra-short Echo Time). Die Lunge ist klassischerweise schwer im MRT darzustellen – zu viel Luft, zu wenig Signal. UTE-MRT löst dieses Problem.
Die Abwägung
| Kriterium | LDCT | MRT (UTE-Protokoll) |
|---|---|---|
| Strahlenbelastung | 1,0–1,5 mSv | Keine |
| Sensitivität | 100% | 91% |
| Verfügbarkeit | Weit verbreitet | Spezialisierte Zentren |
| Kassenleistung | Ab 2026 für Hochrisikogruppe | Nein (Selbstzahler) |
| Wiederholbarkeit | Limitiert (Strahlung) | Unbegrenzt |
Das MRT ist keine gleichwertige Alternative zum CT – die Sensitivität ist etwas geringer. Aber für Patienten ohne klassische LDCT-Indikation, die dennoch ein Screening wünschen, bietet es eine strahlenfreie Option.
Unsere Einschätzung: Bei Patienten ohne Raucheranamnese, die unbedingt ein Lungenscreening wünschen, würden wir eher das MRT empfehlen als das LDCT – wegen der fehlenden Strahlenbelastung. Aber wir kommunizieren auch klar: Das Risiko-Nutzen-Verhältnis ist bei dieser Patientengruppe nicht durch Studien belegt.
Wann macht LDCT-Screening Sinn?
Sinnvolle Indikation
1. Hochrisikoraucher nach G-BA-Kriterien
- • 50–75 Jahre
- • ≥25 Raucherjahre + ≥15 Packungsjahre
- • Aktiver Raucher oder Rauchstopp <10 Jahre
- • Ab April 2026 Kassenleistung
2. Patienten mit beruflicher Asbestexposition
Kombiniert mit Raucheranamnese besonders hohes Risiko
Fragliche Indikation
Raucher, die die Kriterien knapp nicht erfüllen
z.B. 20 Raucherjahre, aber starke Familienanamnese – individuelle Abwägung erforderlich
Patienten ohne Raucheranamnese mit starkem Screening-Wunsch
Hier eher MRT-Alternative empfehlen – klare Kommunikation: keine Evidenz für diese Gruppe
Keine sinnvolle Indikation
Nie-Raucher ohne Risikofaktoren als Routine-Longevity-Screening
Keine Evidenz für Nutzen – Risiko von Falsch-Positiven und Überdiagnose überwiegt
Patienten >75 Jahre mit schweren Komorbiditäten
Wenn kurative Therapie ohnehin nicht infrage kommt
Patienten, die bei positivem Befund keine weitere Abklärung wünschen
Screening macht nur Sinn, wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu ziehen
Praxisbeispiel: Die richtige Indikation
Der Fall
Ein 58-jähriger Patient, ehemaliger Raucher (Rauchstopp vor 8 Jahren), 30 Jahre geraucht, etwa eine Schachtel pro Tag (= 30 Packungsjahre). Er fragt nach einem „Rundum-Check" und hat von Lungenkrebs-Screening gehört.
Unsere Analyse:
Alter 58 Jahre ✓ (50–75 Kriterium erfüllt)
30 Raucherjahre ✓ (≥25 Kriterium erfüllt)
30 Packungsjahre ✓ (≥15 Kriterium erfüllt)
Rauchstopp vor 8 Jahren ✓ (<10 Jahre Kriterium erfüllt)
Unsere Empfehlung: LDCT-Screening ist hier klar indiziert. Der Patient erfüllt alle Kriterien des G-BA-Beschlusses. Der nachgewiesene Nutzen (20–24% Mortalitätsreduktion) überwiegt die Risiken.
Der Gegenfall
Eine 52-jährige Patientin, Nie-Raucherin, keine Asbestexposition, keine Familienanamnese für Lungenkrebs. Sie möchte „alles durchchecken lassen".
Unsere Analyse:
Nie-Raucherin → kein erhöhtes Lungenkrebsrisiko
Keine Studien, die Nutzen bei dieser Gruppe zeigen
Potenzielle Schäden ohne nachgewiesenen Nutzen
Unsere Empfehlung: Wir würden hier kein LDCT-Screening empfehlen. Wenn die Patientin unbedingt eine Lungenuntersuchung wünscht, besprechen wir das MRT als strahlenfreie Alternative – mit der klaren Einschränkung, dass es keine Evidenz für einen Nutzen bei Nie-Rauchern gibt.
Unser Algorithmus
Schritt 1: Raucheranamnese prüfen
Nie-Raucher: LDCT nicht empfohlen → Bei starkem Wunsch: MRT-Alternative besprechen
Raucher/Ex-Raucher: weiter zu Schritt 2
Schritt 2: G-BA-Kriterien prüfen
50–75 Jahre?
≥25 Raucherjahre + ≥15 Packungsjahre?
Rauchstopp <10 Jahre (oder aktuell)?
Alle erfüllt: LDCT empfohlen → Ab April 2026 Kassenleistung
Knapp nicht erfüllt: Individuelle Abwägung (Familienanamnese? Asbestexposition?)
Schritt 3: Bei Indikation – Aufklärung
Nutzen: 20–24% Mortalitätsreduktion
Risiken: Falsch-Positive, Überdiagnose, Strahlung
Follow-up: alle 12 Monate
Fazit
Das Low-Dose CT der Lunge ist keine Untersuchung für jeden – aber für die richtige Patientengruppe kann es lebensrettend sein.
Die klare Indikation:
Hochrisiko-Raucher (≥25 Raucherjahre + ≥15 Packungsjahre, 50–75 Jahre, Rauchstopp <10 Jahre). Für diese Gruppe zeigen NLST und NELSON eine Mortalitätsreduktion von 20–24%. Ab April 2026 wird das Screening Kassenleistung.
Keine Empfehlung:
Bei Nie-Rauchern ohne Risikofaktoren ist LDCT-Screening nicht evidenzbasiert. Die Risiken überwiegen den nicht nachgewiesenen Nutzen.
Die Alternative:
Für Patienten ohne LDCT-Indikation, die dennoch ein Lungenscreening wünschen, bietet das MRT eine strahlenfreie Option – mit der Einschränkung, dass es keine Evidenz für einen Nutzen bei Nie-Rauchern gibt.
Das Wichtigste bleibt: Wer raucht, sollte aufhören. Kein Screening ersetzt die Primärprävention.
Weiterführende Literatur & Wissenschaft
Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt, auf die wir uns in diesem Artikel beziehen.
1 Landmark-Studien zum LDCT-Screening
Reduced Lung-Cancer Mortality with Low-Dose Computed Tomographic Screening (2011)
National Lung Screening Trial Research Team. N Engl J Med 2011; 365:395-409.
Die Studie, die alles veränderte: 20% Mortalitätsreduktion bei über 53.000 Hochrisiko-Rauchern.
Link zur Studie (PubMed) →Reduced Lung-Cancer Mortality with Volume CT Screening in a Randomized Trial (2020)
de Koning HJ et al. N Engl J Med 2020; 382:503-513.
Die europäische Bestätigung: 24% Mortalitätsreduktion, nur 1,2% Falsch-Positive durch volumenbasierte Beurteilung.
Link zur Studie (PubMed) →2 MRT als Alternative
Efficacy of Ultrashort Echo Time Pulmonary MRI for Lung Nodule Detection and Lung-RADS Classification (2022)
Ohno Y et al. Radiology 2022; 304(2):433-441.
Zeigt, dass UTE-MRT bei der Nodule-Detektion mit CT vergleichbar ist – ohne Strahlung.
Link zur Studie →MRI versus CT for the detection of pulmonary nodules: A meta-analysis (2021)
Liu H et al. Medicine (Baltimore) 2021; 100(42):e27438.
Meta-Analyse: MRT erreicht 91% Sensitivität vs. 100% bei CT – eine valide Alternative für bestimmte Patienten.
Link zur Studie (PubMed) →3 Deutsche Regulierung
G-BA Beschluss zur Lungenkrebs-Früherkennung (Juni 2025)
Gemeinsamer Bundesausschuss, Beschluss vom 18. Juni 2025.
Die rechtliche Grundlage für das LDCT-Screening als Kassenleistung ab April 2026.
Link zur Pressemitteilung (G-BA) →KBV Praxisnachrichten: Früherkennung von Lungenkrebs bei starken Rauchern wird künftig Kassenleistung (Juni 2025)
Kassenärztliche Bundesvereinigung, 19. Juni 2025.
Praktische Übersicht: Ablauf, Überweisungsweg, Qualitätsanforderungen an Radiologen, Zweitbefundung bei auffälligen Befunden.
Link zur KBV-Seite →4 Falsch-Positive und Überdiagnose
Screening for Lung Cancer: Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force (2021)
Jonas DE et al. JAMA 2021; 325(10):971-987.
Umfassende Übersicht zu Nutzen und Schaden des LDCT-Screenings.
Link zur Studie (PubMed) →Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels
Longevity Office