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Oraler Glukosetoleranztest

Metabolik 8 Min. Lesezeit 02. Jan 2026

Oraler Glukosetoleranztest

Oraler Glukosetoleranztest

So erkennen Sie Insulinresistenz, bevor es zu spät ist

Warum HbA1c und Nüchternglukose nicht ausreichen – ein Deep Dive in die dynamische Stoffwechseldiagnostik

Auf einen Blick

Dauer Ca. 2–2,5 Stunden
Kosten (Selbstzahler) Ca. 80–150 € (je nach Labor und Umfang)
Limitation Nur Momentaufnahme – zeigt nicht die tägliche Glukosevariabilität

Ihre Vorbereitung

Was Sie beachten müssen Warum wichtig
150-200g Kohlenhydrate täglich in den 3 Tagen davor Kein Low-Carb! Sonst werden die Ergebnisse verfälscht (falsch hohe Werte)
Mind. 12 Stunden nüchtern Nur Wasser erlaubt
Testbeginn bis spätestens 9 Uhr morgens Hormonelle Tagesrhythmik beeinflusst die Ergebnisse
Während der Messung: ruhig sitzen bleiben Keine körperliche Aktivität, nicht rauchen – verfälscht die Werte

Fragen Sie Ihren Anbieter

Frage Warum wichtig
Wird Insulin mitgemessen – oder nur Blutzucker? Der Standard-OGTT (nur Glukose bei 0 und 120 min) reicht für Longevity nicht aus
Wie viele Zeitpunkte werden gemessen? Optimal: 0, 30, 60, 90, 120 min – nicht nur 0 und 120 min
Welche Indizes werden berechnet? Wichtig: Matsuda-Index, OGIS, Insulindynamik – nicht nur HOMA-IR
Wird auch die 1-Stunden-Glukose beurteilt? Die 1h-Glukose ist ein früher Marker – sollte unter 120 mg/dl liegen

Das Problem mit Standard-Tests

Nüchternblutzucker, HbA1c – das sind die Werte, die beim Standard-Check-up angeschaut werden. Vielleicht noch der HOMA-Index, wenn Ihr Arzt auf Insulinsensitivität achtet. Und wenn alles im grünen Bereich liegt? „Alles in Ordnung, wir sehen uns nächstes Jahr."

Das Problem: Auch bei normalen oder nur leicht grenzwertigen Werten kann bereits eine Schieflage der Insulinsensitivität bestehen. Insulinresistenz entwickelt sich schleichend – über Jahre, manchmal Jahrzehnte.

Nüchternglukose sowie HbA1c sind die letzten Parameter, die sich verändern. Nüchtern-Insulin und HOMA-Index reagieren etwas früher. Aber manchmal gibt es eine Insulinresistenz schon, bevor auch diese Werte ansteigen.

Die beste Aussagekraft – auch mit einem Optimierungsgedanken aus dem Blickwinkel Longevity – hat ein anderer Test: der orale Glukosetoleranztest (OGTT).

Warum Standard-Tests zu spät kommen

Peter Attia, einer der bekanntesten Longevity-Ärzte, bringt es auf den Punkt: Nüchternglukose und HbA1c sind nicht geeignet, um Insulinresistenz in frühen Stadien zu erkennen.

Die vier klassischen Tests

1. Nüchternglukose

Ihr Blutzucker nach 8-12 Stunden ohne Nahrung. Bei beginnender Insulinresistenz bleibt dieser Wert zunächst völlig normal – weil Ihre Bauchspeicheldrüse kompensiert. Sie produziert einfach mehr Insulin. Erst wenn diese Kompensation nicht mehr ausreicht, steigt der Nüchternwert. Das kann Jahre dauern.

2. HbA1c

Der „Langzeitblutzucker" – Ihr durchschnittlicher Blutzucker der letzten 2-3 Monate. Nützlich bei Diabetikern, aber für Früherkennung? Gleiche Problematik – der Wert steigt erst, wenn die Kompensation versagt.

3. Nüchterninsulin

Schon besser. Wenn Ihr Körper mehr Insulin braucht, sehen wir das hier. Typischerweise steigen Insulinspiegel Jahre bevor die Glukosewerte auffällig werden. Aber: Dieser Wert zeigt nur den Ruhezustand, nicht die dynamische Reaktion auf Nahrung.

4. OGTT – der dynamische Test

Hier wird es interessant. Der OGTT zeigt nicht nur, wo Sie stehen, sondern wie Ihr Körper reagiert. Sie trinken 75g Glukose, und wir messen über 2 Stunden, was passiert – sowohl mit dem Blutzucker als auch mit dem Insulin.

„Der OGTT fragt nicht nur: Wie hoch ist Ihr Blutzucker gerade? Sondern: Wie viel Insulin braucht Ihr Körper, um diese Glukose zu verarbeiten?"

Der wissenschaftliche Goldstandard

Woher wissen wir eigentlich, ob jemand insulinresistent ist? Der wissenschaftliche Goldstandard ist der euglykämisch-hyperinsulinämische Clamp, entwickelt von DeFronzo et al. 1979.

So funktioniert der Clamp

  • Kontinuierliche Insulininfusion erhöht den Insulinspiegel auf ~100 µU/ml
  • Gleichzeitig variable Glukoseinfusion hält den Blutzucker konstant
  • Im Steady-State: Infundierte Glukosemenge = Glukoseaufnahme der Gewebe

Der resultierende M-Wert (mg/kg·min) ist das direkteste Maß für Insulinsensitivität. Normal: 4,7-8,7 mg/kg·min bei schlanken, glukosetoleranten Personen.

Das Problem: Der Clamp ist eine reine Forschungsuntersuchung auf spezialisierten Stoffwechselstationen. 2-3 Stunden, spezielles Equipment, geschultes Personal. Weder in Deutschland noch anderswo wird der Clamp in der Routinediagnostik eingesetzt.

Die Lösung: OGTT-basierte Surrogatindizes. Das sind berechnete Kennzahlen, die aus den OGTT-Messwerten abgeleitet werden und am Clamp validiert wurden – also nachweislich gut mit dem Goldstandard korrelieren.

So läuft der OGTT ab

Vorbereitung

  • 12 Stunden nüchtern – nur Wasser ist erlaubt
  • 3 Tage zuvor: Mindestens 150g, maximal 250g Kohlenhydrate täglich – normale Mischkost, kein Low-Carb!
  • Test bis spätestens 9 Uhr morgens starten
  • Gewicht und Größe werden erfasst – wichtig für die Berechnungen

Ablauf

Sie trinken 75g Glukose als standardisierte Lösung. Dann folgen Blutentnahmen:

0 min 30 min 60 min 90 min 120 min

Gemessen wird jeweils Blutzucker UND Insulin. Während des Tests: Nicht essen, nicht trinken (außer Wasser), nicht rauchen, ruhig sitzen bleiben.

Zeitaufwand: Ca. 2 Stunden im Labor.

Die Zielwerte nach Peter Attia

Zeitpunkt Glukose Insulin
0 min (nüchtern) < 90 mg/dl < 6 µU/ml
30 min < 140 mg/dl < 40 µU/ml
60 min < 120 mg/dl < 30 µU/ml
90 min < 100 mg/dl < 20 µU/ml

Die wichtigste Regel: Insulin sollte bei 30 Minuten peaken und dann abfallen. Die 1-Stunden-Glukose sollte nicht über 120 mg/dl liegen.

Die berechneten Indizes

Die Rohdaten sind informativ – aber die eigentliche Stärke des OGTT liegt in den Indizes, die wir daraus berechnen können.

HOMA-IR

(Nüchternglukose [mg/dl] × Nüchterninsulin [µU/ml]) / 405

Misst primär die hepatische (Leber-)Insulinresistenz – basierend nur auf Nüchternwerten.

< 2,5: Normal
> 2,5: Insulinresistenz wahrscheinlich
> 3,3: NAFLD (Fettleber) wahrscheinlich

Matsuda-Index

Entwickelt von Matsuda & DeFronzo, 1999

Dieser Index nutzt alle OGTT-Messwerte und misst die Ganzkörper-Insulinsensitivität – sowohl hepatisch als auch muskulär.

Korrelation mit Clamp

r = 0,73

Grenzwert für IR

< 4,3

OGIS (Oral Glucose Insulin Sensitivity Index)

Entwickelt von Mari, Pacini et al., 2001

OGIS ist modellbasiert und liefert einen Index in der gleichen Einheit wie der Clamp: ml/min·m². Korrelation mit Clamp: r = 0,77.

OGIS (ml/min·m²) Klassifikation
424 - 456 Schlank, nicht-diabetisch
351 - 373 Übergewichtig, nicht-diabetisch
285 - 319 Gestörte Glukosetoleranz
≤ 246 Diabetes

Insulindynamik

Neben den etablierten Indizes betrachten wir auch:

Insulinanstieg nach 1h
  • < 700%: unauffällig
  • 700-1000%: Grenzbereich
  • > 1000%: auffällig
Insulinabfall 1h → 2h
  • Negativer Wert: normal (gut)
  • Kein Abfall: pathologisch

Hinweis: Bei Ausdauersportlern kann ein hoher Insulinanstieg physiologisch sein – der Kontext ist entscheidend.

Ein Fallbeispiel aus unserer Praxis

Ein Patient, 45 Jahre, Triathlet, BMI 23,4. Sein Hausarzt sagt: „Alles bestens" – Nüchternglukose 95 mg/dl, HbA1c 5,4%.

Sein OGTT zeigt ein anderes Bild:

Nüchterninsulin nur 3,1 µU/ml (sehr gut)

Insulinanstieg nach 60 Minuten über 1000%

Glukose bei 60 min: 131 mg/dl (über Zielwert von 120)

OGIS: 401 ml/min·m² (gut, aber unter „schlank, nicht-diabetisch")

Was bedeutet das?

Die Standard-Tests sind unauffällig. Aber die dynamische Testung zeigt: Der Körper braucht überproportional viel Insulin, um den Blutzucker zu regulieren. Das ist kein Diabetes – aber es ist auch nicht optimal. Es ist ein Frühzeichen, das Jahre vor manifesten Problemen auftritt.

Was wir tun können:

  • Kohlenhydratqualität optimieren
  • Training anpassen
  • Schlaf verbessern
  • In 6-12 Monaten kontrollieren

Für wen ist der OGTT sinnvoll?

  • Longevity-Fokus: Sie wollen wissen, wo Sie metabolisch wirklich stehen – nicht nur, ob Sie „noch nicht krank" sind
  • Familiäre Diabetes-Belastung: Wenn Eltern oder Geschwister Typ-2-Diabetes haben
  • Metabolische Auffälligkeiten: Erhöhte Triglyzeride, niedriges HDL, viszerales Fett
  • CGM-Nutzer mit auffälligen Werten: Der OGTT validiert, was der Sensor zeigt
  • Sportler mit unerklärlichen Leistungseinbrüchen: Metabolische Effizienz prüfen

Wichtig: Sprechen Sie die Durchführung vorher immer mit Ihrem Arzt ab.

Die Herausforderung: Verfügbarkeit

Der OGTT mit Insulin-Messungen alle 30 Minuten ist nicht überall verfügbar. Der Standard-OGTT (nur Glukose bei 0 und 120 min) reicht für Longevity-Zwecke nicht aus.

Vor der Terminvereinbarung nachfragen:

  • Wird Insulin mitgemessen?
  • Wie viele Zeitpunkte?
  • Welche Indizes werden berechnet?

Wann Sie vorher mit dem Arzt sprechen sollten

Der OGTT ist ein sicherer Test – aber nicht für jeden geeignet. Die Durchführung sollte immer ärztlich begleitet werden.

Test nicht durchführen bei:

Situation Grund
Manifester Diabetes mellitus Diagnose bereits gestellt
Nüchternglukose ≥ 200 mg/dl Bereits diabetische Stoffwechsellage
Ketonurie ohne Glukosurie Stoffwechselentgleisung

Den Arzt besonders hinweisen bei:

  • Akute Erkrankungen, Fieber, Infekte
  • Schwangerschaft (spezielles Protokoll)
  • Zustand nach Magen-OP oder bariatrischer Chirurgie
  • Unbehandelte Schilddrüsenstörung
  • Einnahme von Kortikosteroiden, Betablockern, Thiaziden

Pro-Tipp: OGTT + CGM kombinieren

Wenn Sie ohnehin einen Continuous Glucose Monitor (CGM) tragen: Führen Sie den OGTT während des Tragens durch.

Lückenlose Glukoseaufzeichnung

Werte auch zwischen den Blutentnahmen

Vergleich CGM vs. Laborwerte

Erholungsphase nach 120 min beobachten

Wichtig: Der CGM ist primär ein Biofeedback-Instrument, nicht diagnostisch. Die Laborwerte bleiben der Goldstandard.

Kosten

Der OGTT mit Insulinmessung ist keine Kassenleistung im Rahmen eines Longevity-Screenings. Die Kosten sind moderat, variieren aber je nach Anbieter und Umfang.

Gut zu wissen: Bei Verdacht auf Prädiabetes können Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Wichtig: Lassen Sie sich die Ergebnisse von einem Arzt interpretieren, der die berechneten Indizes kennt und einordnen kann. Rohdaten allein sagen wenig – der Kontext ist entscheidend.

Fazit: Früher wissen, was Phase ist

Der orale Glukosetoleranztest existiert seit Jahrzehnten. Aber in der aufwändigen Variante mit Insulin-Messungen alle 30 Minuten wird er selten eingesetzt. Zu Unrecht.

Er liefert Informationen, die Standard-Tests nicht erfassen:

  • Wie viel Insulin braucht Ihr Körper, um Glukose zu verarbeiten?
  • Wie schnell normalisieren sich die Werte nach einer Belastung?
  • Wo stehen Sie auf der Skala von „optimal" bis „prädiabetisch"?

Diese Informationen erlauben es, Insulinresistenz zu erkennen, bevor HbA1c und Nüchternglukose auffällig werden – und damit Jahre früher gegenzusteuern.

„Standard-Tests fragen, ob Sie schon krank sind. Der OGTT fragt, ob Sie auf dem Weg dorthin sind."

– nach Peter Attia

Weiterführende Literatur

Für alle, die tiefer einsteigen wollen:

Glucose clamp technique

DeFronzo RA, Tobin JD, Andres R. American Journal of Physiology, 1979.

Die Originalpublikation zur Clamp-Technik – der Goldstandard für die Messung von Insulinsensitivität.

Link zur Studie (PubMed) →
Insulin sensitivity indices from OGTT

Matsuda M, DeFronzo RA. Diabetes Care 22(9):1462-70, 1999.

Entwicklung und Validierung des Matsuda-Index – ein weit verbreiteter OGTT-basierter Surrogatmarker.

Link zur Studie (PubMed) →
OGIS – Model-Based Assessment

Mari A, Pacini G et al. Diabetes Care 24(3):539-548, 2001.

Der OGIS-Index – modellbasiert und in der gleichen Einheit wie der Clamp.

Link zur Studie (PubMed) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Longevity Office

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