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Phenoage - Biologisches Alter

Biologisches Altern 6 Min. Lesezeit 13. Jan 2026

Phenoage - Biologisches Alter

PhenoAge

Biologisches Alter aus dem Blutbild

Was Routine-Laborwerte über Ihr biologisches Alter verraten

Dr. Domeyer & Dr. Weißenfels Longevity Office

Auf einen Blick

1. Albumin

Leber- & Ernährungsstatus

2. Kreatinin

Nierenfunktion

3. Glukose (nüchtern)

Stoffwechselgesundheit

4. CRP

Systemische Entzündung

5. Lymphozyten-Anteil

Immunfunktion

6. MCV

Erythrozytenvolumen

7. RDW

Blutzell-Homogenität

8. Alk. Phosphatase

Leber-/Knochenstoffwechsel

9. Leukozyten

Immunaktivität

~50€

Laborkosten

9+1

Biomarker + Alter

9%

Mortalitätsrisiko pro Jahr Acceleration

Die Frage nach dem biologischen Alter

"Wie alt bin ich wirklich?" – diese Frage stellen uns Patienten regelmäßig. Und es ist eine berechtigte Frage. Denn das chronologische Alter (die Zahl auf dem Ausweis) sagt wenig darüber aus, wie gut oder schlecht der Körper altert.

In den letzten Jahren haben sich verschiedene Methoden etabliert, um das "biologische Alter" zu schätzen. Die bekanntesten sind die epigenetischen Uhren – Tests, die Methylierungsmuster der DNA analysieren. Namen wie Horvath-Uhr, GrimAge oder DunedinPACE sind in der Longevity-Szene allgegenwärtig.

Das Problem: Diese Tests kosten mehrere hundert Euro, sind in Deutschland schwer zugänglich und erfordern spezialisierte Labore.

Es gibt aber eine Alternative, die erstaunlich gut funktioniert – und die Sie vermutlich schon in Ihrer Schublade haben: PhenoAge.

Was ist PhenoAge?

PhenoAge (kurz für "Phenotypic Age") ist ein Maß für das biologische Alter, das 2018 von Morgan Levine und Steve Horvath an der UCLA entwickelt wurde.

Das Besondere: PhenoAge basiert nicht auf teurer DNA-Methylierungs-Analytik, sondern auf 9 Routine-Blutwerten plus dem chronologischen Alter – alles Parameter, die in jedem Standardlabor gemessen werden.

Wenn Sie in den letzten Monaten ein Blutbild gemacht haben, stehen diese Werte mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits auf Ihrem Laborbefund.

Wie kam es zu PhenoAge?

Die Geschichte von PhenoAge beginnt eigentlich mit einer anderen Frage: Wie kann man vorhersagen, wer früher stirbt?

Morgan Levine und ihr Team analysierten Daten der NHANES-Studie (National Health and Nutrition Examination Survey) – einer riesigen US-amerikanischen Gesundheitsdatenbank mit über 10.000 Teilnehmern und jahrzehntelanger Nachbeobachtung.

Ihr Ziel: Aus der Vielzahl verfügbarer Laborparameter diejenigen identifizieren, die am besten vorhersagen, wer in den nächsten 10 Jahren stirbt.

Das Ergebnis war überraschend: Nur 9 Parameter (plus das Alter) reichten aus, um das Mortalitätsrisiko besser vorherzusagen als das chronologische Alter allein. Und diese 9 Parameter repräsentieren verschiedene Organsysteme – Leber, Niere, Immunsystem, Stoffwechsel, Blutbild.

Der nächste Schritt war elegant: Statt einen "Mortalitäts-Score" zu berechnen (der etwas abstrakt wäre), rechneten Levine und Kollegen das Ergebnis in ein Alter um – das PhenoAge. Ein 50-Jähriger mit schlechten Biomarkern hat dann vielleicht ein PhenoAge von 58 Jahren; ein 50-Jähriger mit guten Werten vielleicht 43 Jahre.

Exkurs: Auch DunedinPACE basiert auf Biomarkern

Ein interessantes Detail, das oft übersehen wird: Auch die berühmte epigenetische Uhr DunedinPACE basiert letztlich auf Biomarkern.

Die Forscher der Dunedin-Studie (eine neuseeländische Langzeit-Kohortenstudie) haben nicht einfach DNA-Methylierung mit dem Alter korreliert. Stattdessen haben sie 18 verschiedene Biomarker über Jahre hinweg longitudinal bei denselben Personen gemessen – von Nierenfunktion über Lungenfunktion bis zur Zahngesundheit.

Aus diesen Biomarker-Verläufen berechneten sie ein "Pace of Aging" (Alterungstempo). Erst dann fragten sie: Welche DNA-Methylierungsmuster korrelieren mit diesem Tempo?

DunedinPACE misst also DNA-Methylierung, aber validiert wurde es gegen Biomarker. Das zeigt: Biomarker und Epigenetik sind keine getrennten Welten. Sie sind verschiedene Fenster auf denselben Alterungsprozess.

PhenoAge geht den direkten Weg: Es nutzt die Biomarker direkt, ohne den Umweg über die Epigenetik.

Wie wird PhenoAge berechnet?

Die Formel ist öffentlich zugänglich und basiert auf einer gewichteten Kombination der 9 Biomarker:

1

Eine lineare Kombination der Biomarker wird berechnet. Jeder Biomarker hat einen Koeffizienten, der angibt, wie stark er einfließt.

2

Aus dieser Kombination wird ein 10-Jahres-Mortalitätsrisiko berechnet (basierend auf dem Gompertz-Modell).

3

Dieses Mortalitätsrisiko wird in ein "Alter" zurückgerechnet – das PhenoAge.

Zum Beispiel: Albumin hat einen negativen Koeffizienten (höheres Albumin = jüngeres biologisches Alter), während Glukose einen positiven Koeffizienten hat (höhere Nüchternglukose = älteres biologisches Alter).

Für Interessierte – die Koeffizienten:

xb = -19,9067
     + (-0,0336 × Albumin in g/L)
     + (0,0095 × Kreatinin in µmol/L)
     + (0,1953 × Glukose in mmol/L)
     + (0,0954 × ln(CRP in mg/dL))
     + (-0,0120 × Lymphozyten in %)
     + (0,0268 × MCV in fL)
     + (0,3306 × RDW in %)
     + (0,0019 × Alk. Phosphatase in U/L)
     + (0,0554 × Leukozyten in 1000/µL)
     + (0,0804 × chronologisches Alter)

Hinweis: Die Einheiten müssen exakt stimmen. Deutsche Labore verwenden oft andere Einheiten als die US-amerikanischen NHANES-Daten. CRP wird z.B. in mg/L angegeben, muss aber in mg/dL (÷10) in die Formel eingehen.

Was sagt uns PhenoAge?

Das Ergebnis lässt sich einfach interpretieren:

PhenoAge < chronologisches Alter

Sie altern langsamer als der Durchschnitt. Ihre Biomarker deuten auf ein günstiges biologisches Profil hin.

PhenoAge = chronologisches Alter

Sie altern im Durchschnitt.

PhenoAge > chronologisches Alter

Sie altern schneller als der Durchschnitt. Hier lohnt ein genauerer Blick auf die einzelnen Biomarker.

Die Differenz zwischen PhenoAge und chronologischem Alter wird als PhenoAge Acceleration bezeichnet. Ein 50-Jähriger mit PhenoAge 55 hat eine Acceleration von +5 Jahren.

In der ursprünglichen Validierung war jedes Jahr PhenoAge über dem chronologischen Alter mit einem etwa 9% höheren Mortalitätsrisiko assoziiert.

Was PhenoAge gut kann – und was nicht

Stärken

  • Verfügbarkeit: Kein Speziallabor nötig. Laborkosten ca. 30-50€.
  • Validierung: Korreliert mit Mortalität, Morbidität und funktionellen Einschränkungen.
  • Verlaufskontrolle: Regelmäßig messbar und trackbar.
  • Transparenz: Die Formel ist vollständig öffentlich.

Einschränkungen

  • Akute Erkrankungen: CRP und Leukozyten verfälschen bei Infekten das Ergebnis.
  • Tagesschwankungen: Nüchternglukose variiert. Immer morgens nüchtern messen.
  • Weniger präzise: GrimAge und DunedinPACE schneiden etwas besser ab.
  • Populationsspezifität: Koeffizienten stammen aus US-amerikanischer Studie.

Was beeinflusst die einzelnen Biomarker?

Wenn Ihr PhenoAge höher ist als erwartet, lohnt ein Blick auf die einzelnen Parameter:

Biomarker Richtung Beeinflussbar durch
Albumin ↑ höher = jünger Proteinzufuhr, Leberfunktion
Kreatinin Optimal halten Nierenfunktion, Hydratation
Glukose ↓ niedriger = jünger Bewegung, Ernährung, Gewicht
CRP ↓ niedriger = jünger Omega-3, Ernährung, Gewicht
Lymphozyten % ↑ höher = jünger Schlaf, Bewegung
MCV Normal halten B12, Folsäure
RDW ↓ niedriger = jünger Anämie behandeln, Entzündung reduzieren
Alk. Phosphatase Normal halten Leberfunktion, Vitamin D
Leukozyten Niedrig-normal = jünger Entzündungsreduktion

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Die gute Nachricht: Viele dieser Biomarker sind durch Lifestyle-Interventionen beeinflussbar. Besonders Glukose, CRP und Körpergewicht sind klassische Stellschrauben.

PhenoAge vs. epigenetische Uhren

Ein ehrlicher Vergleich:

Aspekt PhenoAge Epigenetische Uhren
Kosten ~50€ ~300-400€
Verfügbarkeit Jedes Labor Speziallabore
Vorhersagekraft Mortalität Gut Sehr gut
Sensitivität für Interventionen Gut DunedinPACE besonders gut
Beeinflussung durch akute Erkrankung Stark Gering
Transparenz Vollständig öffentlich Teils proprietär

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Unsere Einschätzung: Für ein Screening und die regelmäßige Verlaufskontrolle ist PhenoAge eine pragmatische, kosteneffektive Option. Wer es genauer wissen will, kann zusätzlich eine epigenetische Uhr machen.

Wie wir PhenoAge einsetzen

Wir nutzen PhenoAge als Teil einer umfassenden Longevity-Diagnostik – nicht isoliert, sondern im Kontext.

Ein Beispiel: Ein Patient kommt mit einem PhenoAge von +7 Jahren über seinem chronologischen Alter. Statt zu sagen "Sie sind biologisch älter", schauen wir genau hin: Welche Biomarker sind auffällig?

Oft finden wir einen erhöhten CRP (→ Hinweis auf Inflammaging), eine grenzwertige Nüchternglukose (→ metabolische Dysregulation) oder ein erhöhtes RDW (→ chronische Entzündung oder Mikronährstoffmangel).

Das sind dann konkrete Ansatzpunkte für Interventionen. Und bei der nächsten Laborkontrolle können wir sehen, ob sich das PhenoAge verbessert hat.

Fazit

PhenoAge ist keine perfekte Messung des biologischen Alters – so etwas gibt es nicht. Aber es ist ein validierter, zugänglicher und kostengünstiger Ansatz, der Ihnen einen ersten Eindruck gibt, wo Sie stehen.

Die Stärke liegt in der Einfachheit: Sie brauchen keine teuren Spezialtests, sondern können Werte nutzen, die Sie vermutlich schon haben. Und Sie können den Verlauf tracken – was bei einmaligen, teuren Tests schwieriger ist.

Für uns ist PhenoAge ein wertvolles Werkzeug in der Patientenkommunikation. Statt abstrakt über "Inflammaging" oder "metabolische Gesundheit" zu sprechen, können wir zeigen: Diese Werte erhöhen Ihr biologisches Alter. Und hier können wir ansetzen.

Literatur

An epigenetic biomarker of aging for lifespan and healthspan

Levine ME, Lu AT, Quach A, et al. Aging (Albany NY). 2018;10(4):573-591.

Link zur Studie (PubMed) →
A new aging measure captures morbidity and mortality risk across diverse subpopulations from NHANES IV

Liu Z, Kuo PL, Horvath S, et al. PLOS Medicine. 2018;15(12):e1002718.

Link zur Studie (PubMed) →
DunedinPACE, a DNA methylation biomarker of the pace of aging

Belsky DW, Caspi A, Corcoran DL, et al. eLife. 2022;11:e73420.

Link zur Studie (PubMed) →
DNA methylation-based biomarkers and the epigenetic clock theory of ageing

Horvath S, Raj K. Nature Reviews Genetics. 2018;19(6):371-384.

Link zur Studie (PubMed) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Longevity Office

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